Zwischen Ende und Anfang

9783462044416Tino Hanekamp: „So was von da“, Kiepenheuer & Witsch, 2011.

Vor knapp zwei Jahren hatte ich meinen „John-Lennon-Moment“. Das Radio verkündete am Morgen, dass Nils Koppruch gestorben war. Im Halbschlaf dachte ich erst, mich verhört zu haben, als sich dann aber ein Lied von seiner letzten Platte an die Nachrichten anschloss, war ich wach und ich musste im Internet lesen, dass sich Traum und Realität nicht überlagert hatten. Klingt übertrieben, aber so ungefähr hab ich mir den Moment vorgestellt, als vor 30 Jahren die Welt vom Tod des Beatle erfuhr.

Koppruchs Musik begleitet mich seit etwa 15 Jahren. Die Karten für das nächste Konzert lagen bereits seit Wochen auf meinem Schreibtisch. Neue Alben habe ich nicht, wie bei so vielen anderen, erst einmal routinemäßig abgenickt, sondern ihnen entgegengefiebert. Der ehemaligen Sänger der Band „Fink“ hat wie kaum ein anderer verstanden, lakonisch und humorvoll vom Traurigen in der Welt zu erzählen, und gleichzeitig das kleine Päckchen Trost freizulegen, das meist unsichtbar danebenliegt. Am Abend des 11. Oktober 2012 habe ich seine Alben gehört, mich betrunken und Nachrufe gelesen, die im Internet über den Tag verteilt auftauchten. Den wohl eindringlichsten Text hatte ein Freund von Koppruch – Tino Hanekamp – geschrieben: „Ich wein einen Fluss“ – benannt nach einem Songtitel von „Fink“. Seitdem stand der Autor auf meiner Liste.

Silvester ist Abriss

Tino Hanekamp, Jahrgang 1979, ist u. a. Clubbesitzer in Hamburg und damit Teil der (Sub)kultur in der Hansestadt. So gründete er etwa mit anderen Mitstreitern das „Uebel & Gefährlich“, das noch heute als eine der wichtigsten Live-Musik-Adressen der Hansestadt gilt. Hanekamp hat aber auch schon einen Club dichtmachen müssen – natürlich nicht ohne dass vorher die Gäste und Betreiber die Einrichtung in einer letzten großen Party feierlich zerlegten.

So ist es kein Zufall, dass sich auch sein erster und bisher einziger Roman „So was von da“ um die finale Sause dreht. Oskar Wrobel, Anfang 20, organisiert gemeinsam mit seinem bohemen Mitstreiter Pablo die Silvesterparty in seinem Nachtclub auf St. Pauli. Mit dem letzten Tag des Jahres steht auch der Abriss des Clubs an. Doch wenn schon untergehen, dann natürlich mit wehenden Fahnen. In einem einzigen Wirbel lässt sich Oskar von einem Zuhälter erpressen, betreut den aufstrebenden, aber von Selbstzweifeln gequälten Musikerfreund Rocky, befreit dessen Vater aus einem Zombiedasein und ganz nebenbei organisiert er die Fete, besorgt Hochprozentiges an der Tanke, weist die Security ein, versorgt die Bar mit Kleingeld usw. Freunde und ihre Geschichten begleiten Oskar. Im Hinterkopf spukt immernoch seine Jugendliebe Mathilde – die Eine, aber auch die Verflossene. (An prominenter Stelle in der Mitte des Buches wird die Liebesgeschichte im Zeitraffer erzählt.) Am Ende versinkt alles – wie zu erwarten – im Chaos. Währenddessen wird viel geredet. Die Dialoge sind für sich genommen wenig tiefgründig, aber eingebettet in die Handlung funktionieren sie.

Freundschaften

So verhält es sich mit dem ganzen Buch. „So was von da“ ist kein großer Roman. Das kann es auch gar nicht sein. Die Charaktere sind mitunter arg klischeehaft gezeichnet (allen voran Kiezkalle), manch philosophischer Anflug wirkt erzwungen (Marc Aurel) und überraschende Wendungen hält der Plot kaum bereit – was man allerdings bei der sich überschlagenden Handlung wahrscheinlich auch gar nicht wahrnehmen würde. Trotzdem ist dem Autor ein wunderbarer Unterhaltungsroman gelungen. Hanekamp macht das Milieu und die Atmosphäre durch die Energie des Geschehens merkwürdig unmittelbar. Der Leser steckt mittendrin im Partygewühl und atmet die von Bier Schweiß und Zigaretten geschwängerte Luft. Wahrscheinlich haben wir alle schon einmal nach einer langen Nacht völlig fertig im Morgengrauen auf einem Bordstein gesessen – unbeweglich nicht nur vor Müdigkeit, sondern auch um zu verhindern, dass das kurze Schweben zwischen Ende und Anfang aufhört, weil es der erfüllteste Moment des Lebens sein könnte. Jedenfalls hat mich die überaus liebevoll erzählte Geschichte mit so einem ähnlichen Gefühl entlassen. Über einige Schwächen schaue ich da gern hinweg.

Hanekamp hat seinem Kiez, der Club- und Subkultur auf St. Pauli (jenseits der Partyreeperbahn) und den Menschen dort ein ganz persönliches Denkmal gesetzt. Oder vielmehr hat er ein Fotoalbum gebastelt. Und eigentlich geht es nur um eins: Freundschaften. Im Hintergrund tauchen Figuren auf, von denen die meisten sicher in Wirklichkeit existieren. Einige sind bekannt, wie „der Spilker“ (Frank Spilker, Sänger der „Sterne“) oder der Musiker Carsten Meyer, andere kann man über die Vornamen erschließen (Niels Frevert, Rasmus Engler, Mense Reents); wieder andere bleiben dem Leser unbekannt. Auf der Setlist des Abends, die im Buch abgedruckt ist, steht außerdem der Namen eines weiteren guten Bekannter: Nils Koppruch.

Bestbesetzung für den Helden in einer Verfilmung: Frank Giering

Wenn dieses Buch ein Song von Nils Koppruch wäre, dann: „So faß ich’s an“ (Mondscheiner)

Wenn dieses Buch ein Getränk wäre, dann wäre es: Astra Urtyp

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