Wie ich einmal einen Krimi las

Bretonische Verhaeltnisse von Jean-Luc BannalecJean-Luc Bannalec: „Bretonische Verhältnisse“. Goldmann Verlag 2013

Ok, zugegeben, dieser Text ist nicht fair. Denn hier geht es um einen Krimi, und ich kann mit Krimis nichts anfangen. Ich bin auch kein passionierter Tatort-Zuschauer, lasse mich zwar gelegentlich von der Kritik im Vorfeld verleiten, ertappe mich dann aber dabei, wie ich die Nebendarsteller nach Bekanntheitsgrad abklopfe, um auf diese Weise den Täter zu stellen. Am Anfang stirbt einer und Ende weiß man, wer es war – so meine laienhafte Zusammenfassung eines typischen Plots dieser Gattung. Trotzdem dachte ich mir vor kurzem, jetzt sei die Zeit gekommen, dass ich mal einen richtigen Krimi lese. „Das kann doch nicht sein, dass so viele Menschen ein Buch nach dem anderen dieser Sorte verschlingen und ich auf diesem Auge völlig blind bin“, dachte ich mir. „Irgendwas muss das doch haben, dieses ,Fälle lösen‘.“ Ich wollte dazugehören, zum Detektivclub, der mit mir jeden Morgen in der Bahn zur Arbeit pendelt.

Zunächst war ich unschlüssig, ob ich mich an einem Klassiker à la Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle versuchen sollte oder doch an gegenwärtigem Stoff. Um den Versuch aber so konsequent wie möglich umzusetzen, entschied ich mich für letzteres. Beschwingt vor Experimentierfreude sprang ich in die Buchhandlung und näherte mich unbekanntem Terrain. SPANNUNG stand in großen Lettern über den Kriminalromanen. „Aha“, dachte ich. „Endlich wartet also das erste spannende Buch meines Lebens auf mich.“

Offensichtlich machen Krimi-Cover-Gestalter aus ihrem Herzen keine Mördergrube. In der Regel befindet sich auf dem Cover nämlich die Farbkombination rot-schwarz. Ich hatte mir vorgenommen, nicht auf die inzwischen sehr beliebten Folterfolianten zurückzugreifen, die sich dankbarerweise schnell zu erkennen geben, da auf ihren Covern gern Verstümmelungs- und Tötungsinstrumente inkl. Blut abgebildet sind. Blieb also nur die zweite Buchdeckelgestaltungsvariante: triste Landschaft. Meine Wahl fiel schließlich auf „Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin.“ Titel und Cover kamen mir von Bestsellerlisten bekannt vor, und da die Masse ja bekanntlich nie falsch liegt, fühlte ich mich mit dieser Entscheidung auf der sicheren Seite. An der Kasse informierte mich die freundliche Verkäuferin, dass bereits drei weitere Fälle aus dieser Reihe erschienen seien. Ich lächelte wissend und antwortete wahrheitsgemäß: „Ich probier’s erstmal mit dem.“

Klischee!

Am nächsten Morgen in der Bahn gings los. Stolz holte ich das Buch aus der Tasche, schwang es kurz für alle sichtbar über meinen Kopf und blätterte erwartungsvoll die erste Seite auf. Zuerst begegnete ich dem bereits im Titel angekündigten Kommissar Dupin beim Frühstück in einem kleinen Café am Hafen mit „café“ und Croissant. „Klischee!“, dachte ich so, nichtsahnend, dass ich während der Lektüre der kommenden 300 Seiten noch einige Striche hinter diesem Wort machen würde. Überhaupt begegnete mir bereits auf den ersten fünf Seiten – noch vor der Leiche – alles das, was den Roman ausmachen würde: eine Menge Informationssätze, bretonische Landeskunde soweit das Auge reicht, verbunden mit jeder Menge kulinarischen Hinweisen, der Zwang, jede auftretende Figur sofort umfassend beschreiben zu müssen, und natürlich ein schrulliger bzw. „schrulliger“ Kommissar.

Ich mag jetzt meine ganze Leseerfahrung nicht protokollartig im Detail schildern, denn mit diesem Buch habe ich einfach keine gute Zeit verbracht. Natürlich kann man jetzt sagen, dass das ja auch nicht weiter überaschend ist. Schließlich habe ich das erwartet. Schließlich hätte ich mich gar nicht darauf eingelassen. Allerdings wäre ich froh, wenn es so einfach wäre. Ich habe mich wirklich darüber geärgert, wie jemand, der einfach nur die üblichen Krimizutaten zusammenschüttet, zweimal umrührt und das ganze dann in bretonischen Keramikschüsseln zum Verzehr anbietet, so viele Bücher verkaufen kann.

Hate the player not the game

Denn die Inhaltsstoffe sind entweder überlagert oder schlecht. Da wäre der übliche betont eigene Kommissar, der natürlich ein Einzelgänger ist, und den eine halbwegs mysteriöse Geschichte in die Provinz verfrachtet hat. Er hat Probleme mit Vorgesetzten und der Technik, pflegt Gewohnheiten und flirtet mit der Kunstexpertin, die für die Aufklärung des Falles aus der großen Stadt geholt wird. Alles an dieser Figur wirkt stilisiert und klischeehaft, von Tiefe keine Spur. Da wären Informationssätze wie in einer billigen Telenovela, da dem Autor wohl während des Schreibens immer wieder Dinge aufgefallen sind, die noch erklärt werden müssten. Da wären Passagen über Passagen zur Landeskunde, die einem Reiseführer entnommen sein könnten. Ständig futtert irgendjemand eine regionale Spezialität – bestenfalls in einem kleinen Restaurant am Hafen (ja richtig, wahrscheinlich mit rot-weiß karierten Tischdecken).

Da wären hölzerne Dialoge ohne Ende aus Worten, die so nie gewechselt werden würden. („Mir war es ein Anliegen, dass ich Ihnen die Nachricht persönlich überbringe, und es tut mir aufrichtig leid, dass sie Sie auf anderem Weg erreicht hat. Ich hätte es wissen müssen. In einem so kleinen Ort.“ […] „Machen Sie sich keine großen Vorwürfe, Sie haben viel zu tun.“ […] „In der Tat. Besonders zu Beginn einer Untersuchung.“ „Sie müssen den Mörder rasch fassen, er muss zur Rechenschaft gezogen werden für diese barbarische Tat.“ „Wir tun alles, was in unserer Macht steht, Madame. […]“)

Erst nach dem Lesen habe ich erfahren, dass der Verfasser des Buches ein Deutscher ist, der sich bisher eher als Verleger denn als Autor einen Namen gemacht hat. Aber ein Buch veröffentlichen und ein Buch schreiben sind dann doch zwei Paar Schuhe, da reicht auch der Hang zum Frankophilen nicht. Zum Plot will ich eigentlich nicht viel sagen. Nur ein Hinweis: Am Anfang stirbt einer, und am Ende weiß man, wer es war. Es geht um den Mord an einem alten Hotelbesitzer, der sich zum Kunstskandal entwickelt. Zuende gelesen habe ich es allerdings nicht aus Neugier sondern um mir das nicht nachsagen zu lassen.

PS.: Trotz dieser schlechten Erfahrung möchte ich allerdings etwas zurückrudern: Danach habe ich Raymond Chandlers „Der lange Abschied“ gelesen. Am Genre liegt es also nicht.

Ein Satz, der bleibt: zuviele, leider

Was lieber tun, als dieses Buch lesen: „Zu Tisch…“ auf Arte gucken

Wenn dieses Buch eine deutsche Schauspielerin wäre, dann: Veronica Ferres

3 Gedanken zu „Wie ich einmal einen Krimi las

    1. Danke das freut mich. Man kann halt nicht jedes Buch gut finden, aber immerhin kann man dann versuchen, etwas lesbares darüber zu schreiben.
      Viele Grüße, Sebastian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.