Utopia, mon amour

Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“, Rowohlt 2011.

Die USA ist am Boden: Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Dollar abhängig von der chinesischen Währung. Geführt wird das Land von einer dauerhaften Übergangsregierung, die nur noch aus einer Partei besteht. Und ein durchgeknallter Verteidigungsminister hat die ehemalige Großmacht in eine sinnlose Militärmission in Venezuela verstrickt, die sich langsam zum Bumerang entwickelt. Klingt wie ein Zukunftsszenario, auf das die Vereinigten Staaten unter ihrem neuen Präsidenten zusteuern? Allerdings!Es ist aber in erster Linie die Ausgangssituation des bereits 2010 erschienen Romans „Super Sad True Love Story“. Geschrieben hat ihn Gary Shteyngart, geboren in Leningrad als Sohn russischer Juden, die 1979 nach New York emigrierten.

Diese Familiengeschichte teilt er mit dem Helden seines Romans. Lenny Abramov ist 39 Jahre alt, Single und – wie sich das für einen New Yorker Juden gehört – durch seine Neurosen direkt in die Midlife-Crisis getrieben. Er fristet sein Dasein vor allem im Dienste seines Arbeitgebers, die „Posthumanen Dienstleistungen“. Das Unternehmen verlängert das Leben vermögender Kunden, und zwar nicht nur äußerlich durch Schönheitsoperationen, sondern durch einen kompletten Zellaustausch, der ewige Verjüngung verspricht. Während seiner letzten Tage in Italien, wo er sich eine kleine Auszeit genommen hat, verliebt sich Lenny nach einer eher zufälligen gemeinsamen Nacht in die 15 Jahre jüngere Eunice Park. Doch das beruht nicht unbedingt auf Gegenseitigkeit. Erst als die gebürtige Koreanerin, die – immer kurz davor, ein Studium zu beginnen – vor allem durch die Tage tingelt, eine Unterkunft in New York braucht, erinnert sie sich an die kauzige Bekanntschaft und zieht bei ihr ein. Für Lenny der Himmel auf Erden – für Eunice eine Übergangslösung, so wie ihr gesamtes Leben.

Äppäräte überall

Denn sie ist ein Kind ihrer Zeit, immer damit beschäftigt, sich nicht festzulegen, zu konsumieren, politische und gesellschaftliche Entwicklungen auszublenden und den Blick stattdessen fest auf den „Äppärät“ zu richten. Das zur Grundausstattung gehörende Gerät bietet neben dem permanenten Netzzugang auch alles andere, was man zum überleben braucht: eine Chatfunktion, weil auch während persönlicher Treffen nur noch ungern direkt kommuniziert wird, und permanente Ratings über sich und die umstehenden Menschen. Einkommensverhältnisse, Charakter, Fickfaktor – jederzeit ist man umfassend informiert und kann sich mit den anderen in Rankings vergleichen. Wer sich äußerlich gut verkaufen kann, wird anerkennend als sehr „medien“ eingestuft. Dafür zieht man sich auch schonmal die transparenten Onion-Jeans über. Die ständige Selbstversicherung bietet einfach Halt im Leben. (Als die Dienste kurzzeitig versagen, steigt die Suizidrate.)

Auch Lenny verzichtet nicht auf die inzwischen selbstverständlich gewordenen Hilfsmittel, hat aber den Faden zu längst vergangenen Zeiten noch nicht gekappt. So ist sein Anker eher das Lesen von Büchern, richtigen Büchern. Diese schrullige Angewohnheit belächelt Eunice allerdings. Denn Bücher sind sinnlos, wenn man Informationen auch kurz scannen kann. Und außerdem stinken sie.

Solche skurril anmutenden – und doch auch naheliegenden – gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen sind die Stärke des Romans. Shteyngart gelingt es sehr gut, die heute schon vorhandenen Ansätze weiterzuspinnen und satirisch auf die Spitze zu treiben. Das wiederum könnte man auch einfallslos finden – jaja, Äppärät, Smartphones, schon verstanden – aber so konsequent durchgezogen und dicht gestaltet, hat es mich überzeugt, zumal der kurze Zeitraum, der zwischen Erscheinen des Buches und Donald Trump liegt, die Wirkung fast schon beängstigend verstärkt. Und Shteyngart ruht sich nicht auf dem grundlegenden Szenario aus, sondern treibt die Geschichte weiter und erreicht damit das, was gute Satire ausmacht: gerade noch geschmunzelt, bleibt einem plötzlich das Lachen im Halse stecken.

Erstarrte Figuren

Doch leider ist ausgerechnet die „Super Sad True Love Story“ dabei etwas auf der Strecke geblieben. Denn hier vermisst man jegliche Entwicklung, da auch die Protagonisten merkwürdig erstarren. Ist es anfangs noch durchaus spannend, wie sich beide in diesem sterilen Umfeld annähern, erstarren sie doch irgendwann. Dabei hat Shteyngart eine durchaus persönliche Erzählweise gewählt, die die Unterschiede der beiden noch einmal gut unterstreicht: Während Lenny „old school“ die Geschehnisse und seine Emotionen mit einem Stift (!) in ein Tagebuch aus Papier (!!) schreibt, entnimmt der Leser Eunice‘ nüchterne Betrachtung der Dinge aus den Chatprotokollen ihres „GlobalTeens“-Account. Mag nun die Nichtentwicklung der Beziehung noch durchaus folgerichtig sein, so ist es die Stagnation der Figuren nicht. Eunice und Lenny verstricken sich zunehmend in Wiederholungen. Da helfen auch die Familiengeschichten nicht, die ähnlich willkürlich erscheinen.

Doch als satirische Utopie funktioniert Shteyngarts Roman durchaus gut und ist es wert, gelesen zu werden. Zwar reicht er in seiner literarischen Qualität nicht an die klassischen Vorbilder des Genres heran. Aber gerade in diesen Wirren brauchen wir solche Bücher, um uns auf dem Weg in die Zukunft zu orientieren. Nicht umsonst steht Orwells „1984“ gerade wieder ganz oben in den amerikanischen Bestsellerlisten.

Ein Satz: „Sie waren aus einem offensichtlichen und zeitlosen Grund zusammen: Es war etwas weniger unangenehm, als allein zu sein.“

Fun Fact aus dieser Zukunft: Es gibt keine Segways.

Wenn das Buch ein US-Präsident wäre, dann: Barron Trump

Wem schenken: Fans von Woody Allen

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