Und ich der fünfte Beatle

Yesterday von Lars Saabye ChristensenLars Saabye Christensen: „Yesterday“, btb 1997

In meinem Lieblingsbuch liegt noch der Kassenbon, den ich bei seinem Kauf bekam. Die Zahlen und Buchstaben sind komplett verblasst. Und auch das Exemplar des Buches ist nicht mehr das, was ich damals gekauft habe. Doch der kleine weiße Zettel erinnert mich daran, wie das Buch damals zu mir gekommen ist. Im Literarischen Quartett durfte jedes Mitglied vor der Sommerpause noch eine Ferienlektüre empfehlen. Iris Radisch, damals noch als Gast und nicht als ständiges Mitglied in der Runde, legte den Zuschauern „Yesterday“ von Lars Saabye Christensen ans Herz. Im Kopf zwar abgespeichert begegnete mir das Buch erst Wochen später eher zufällig in der Stadtbibliothek wieder. Ich lieh das zerknitterte Exemplar umgehend aus, nur um nach dem Lesen der ersten Seite festzustellen, dass ich es unbedingt selbst besitzen müsse. In einer verregneten Hofpause – ich war wohl etwa 16 Jahre alt – lief ich zur Buchhandlung und holte das bestellte Buch ab. Obwohl ich mich weder an das Jahr noch an die Jahreszeit erinnern kann, so hat sich das Gefühl der Vorfreude doch tief eingebrannt, als ich gerade noch rechtzeitig zur folgenden Unterrichtsstunde (Musik) zurückkam. Ich zog das rote Buch aus der Plastiktüte, strich mit der Hand über den Deckel, auf dem ein Apfel und eine Schallplatte abgebildet sind, und wartete voller Vorfreude auf das Ende des Schultages.

Norwegian Wood

Dort begegneten sie mir dann: Kim, Gunnar, Seb und Ola – die vier Helden, die versuchen, im Oslo der 1960er Jahre erwachsen zu werden. Zu Beginn des Romans sind sie 14 Jahre alt, am Ende 21. Begleitet werden sie von der Musik der Beatles, schlüpfen sogar selbst in deren Rollen. Kim ist Paul, Gunnar John, Seb ist George und für Ola bleibt Ringo. Und ich der fünfte Beatle. Ich lag neben ihnen zerfetzt auf dem Fußboden, wenn sie eine neue Platte in sich aufsaugten. Gemeinsam mit ihnen radelte ich durch das sommerliche Oslo auf der Suche nach Abenteuern. Ich war dabei, als sie mit mäßigem Erfolg die eigene Band „The Snafus“ gründeten. Ich wanderte mit ihnen durch den „Norwegian Wood“. Ich stapfte mit ihnen wütend durch die Nacht, als die Mädchen, die Drogen und dieses immer größer werdende Leben geschlossene Räume zu eng machten. Ich reiste mit ihnen durch Europa auf der Suche nach dem verschollenen George.

Natürlich lässt sich der Roman einerseits als klassische Coming-of-Age-Geschichte einsortieren, doch wird diese Schublade dem Buch nicht gerecht. Vielmehr ist es das Porträt einer Freundschaft, einer Epoche, einer Stadt und eines verwirrten jungen Mannes, der durch sein Leben irrlichtert und nicht in die Spur findet. Stattdessen taumelt Kim Karlsen, der Hauptheld, von einer misslichen Situation in die nächste, immer dem Abgrund entgegen. Der innere Sog zieht ihn an und lässt ihn Dinge tun, die er nicht kontrollieren kann.

„Yesterday“, „Waterloo“, „Die Beisetzung“

Lars Saabye Christensen, der wohl größte lebende norwegische Autor (ja, der Name Knausgard ist mir bekannt), beschreibt diesen schmalen Grat zwischen ausgelassener Freude auf der einen sowie Unsicherheit und Orientierungslosigkeit auf der anderen Seite – auf dem wohl jeder während des Erwachsenwerdens balanciert – als genau das, was er ist: das Normalste und das Besonderste der Welt. Und er beschreibt an Kim Karlsen, was passiert, wenn dieses Gefühl nicht mehr verschwindet.

In Christensens Schaffen nimmt „Yesterday“ einen besonderen Stellenwert ein. Zum einen war der Roman, in Norwegen mit dem Titel „Beatles“ 1984 erschienen, sein erster großer Erfolg und gilt in seiner Heimat inzwischen als moderner Klassiker. Zum anderen ließ ihn die Geschichte wohl selbst nicht los, folgten doch in relativ großem zeitlichen Abstand zwei weitere Romane, in denen er Kim Karlsens Geschichte weitererzählt – „Bly“ (1990, dt. „Waterloo“ 2005) und „Bisettelsen“ (2008, dt. „Die Beisetzung“ 2015). In „Yesterday“ findet sich all das, was Christensens Romane, u. a. auch diesen hier, ausmacht: Mit einer einfachen, klaren Sprache, Detailversessenheit und einer guten Portion Humor schafft er, oftmals gebrochene, Figuren, die den Leser nicht mehr loslassen. Das betrifft nicht nur die Helden sondern auch die vielen Nebencharaktere, deren Geschichten der Autor nur andeutet, die er dadurch aber zu nahezu mythischen Figuren macht. Immer wieder tauchen sie als Motive auf und offenbaren neue Perspektiven und Zusammenhänge.

Sommerhaus im Herbst

Inzwischen habe ich „Yesterday“ viermal gelesen, obwohl ich selten Bücher überhaupt zweimal lese. Natürlich liegt das daran, dass es mir in einer Zeit begegnet ist, in der ich ungefähr so alt wie die Helden war. Natürlich liegt das an der perfekten Symbiose der Handlung mit der Musik der Beatles. Es macht Spaß nach den Parallelen zu suchen, die zwischen den Protagonisten und der größten Band aller Zeiten existieren. Und natürlich liegt das an Kim, Gunnar, Seb und Ola. Nie war ich so sehr in einem Buch wie in diesem.

Der Roman wird von einer Rahmenhandlung umschlossen, die in der Gegenwart spielt. Kim Karlsen flüchtet sich im Herbst in das Sommerhaus seiner Familie auf der Insel Nesodden. Dort will er seine Geschichte aufschreiben. Das Haus ist verlassen, Staub liegt über den Dingen. Alles ist leer. Alles ist möglich.

Wenn dieses Buch ein Song von den Beatles wäre, dann „In my life“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.