Gewohnt schrullig

Regener_cover

Sven Regener: „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“, Verlag Galiani, 2013.

Seit ungefähr 20 Jahren nimmt die deutsche Band Element of Crime immer das gleiche Album auf. Regelmäßig erscheinen zehn bis zwölf neue Lieder – von Frontmann Sven Regener selbst ganz richtig mit dem Schlachtruf „Romantik!!!“ versehen. Sicher tut man der Band nicht unrecht, wenn man sagt, sie mache Stimmungsmusik im positiven Sinn: Ihre Musik hüllt den Hörer dank schöner Worte und geruhsamer Musik in eine melancholische Atmosphäre ein. Allerdings besteht die Gefahr, dass unter diesem Schleier die Songs zu einem großen Brei zusammenfließen und der Charakter einzelner Songs verloren geht. Das Risiko, sich zu wiederholen und dabei beliebig zu werden, besteht nicht nur in der Musik, sondern auch in der Literatur.

Sven Regener, der Sänger und Texter der Band, schreibt seit einigen Jahren auch Bücher. Das überrascht nicht, sind doch seine Songs selbst oftmals großartige literarische Miniaturen. Regeners Debütroman „Herr Lehmann“ (erschienen 2001) ist zu einem modernen Klassiker des noch jungen 21. Jahrhunderts geworden. Grund dafür sind die liebenswert schrulligen und gescheiterten Figuren, voller Lebensweisheit. In lakonischen und witzigen Dialogen und Situationen lässt Regener seine Charaktere die Welt erklären und am Rande zur Melancholie balancieren. Einer, der den Abhang hinunterfällt, ist Frank Lehmanns bester Freund Karl Schmidt. Der Bildhauer verschwindet am Ende des ersten Buches nach einem Nervenzusammenbruch in der Psychiatrie.

Karl Schmidt kehrt die Scherben zusammen

Um so logischer und verständlicher ist es, dass Regener im 2013 erschienenen „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“ seiner zweiten Paradefigur nachspürt. Nach einiger Zeit in der Psychiatrie lebt Karl nun – Anfang der 1990er Jahre – in der therapeutisch begleiteten Drogen-WG „Clean Cut“ in Hamburg, arbeitet tagsüber als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und versucht ansonsten die Händen von Drogen und Alkohol zu lassen. Ausgerechnet seine Abstinenz qualifiziert ihn dazu, eine Horde Techno-Musiker in einem Kleinbus durch die Republik zu chauffieren und dafür zu sorgen, dass ihre „Magical Mystery Tour“ trotz aller Exzesse nicht aus dem Ruder läuft. Alte Freunde aus Berlin, die inzwischen ein Label für elektronische Musik betreiben, heuern ihn dafür an. Karl hütet also mit nahezu buddhistischer Ruhe den Sack Flöhe, hält sich selbst nüchtern und den Spirit der Tour am Leben, und schlittert ganz aus Versehen in eine Liebe. Soweit so gut.

Natürlich geben sich auch hier wieder skurrile Szenecharaktere die Klinke in die Hand. Natürlich gibt es wieder Dialoge, die zwischen Absurdität und Normalität hin und her schwanken. Natürlich kreisen wieder alle Nebenfiguren um einen Protagonisten, der scheinbar alles in Ordnung hält, selbst aber auch nur an einem seidenen Faden hängt. Diese Dramatik und die daraus entstehende Dynamik machen den Regener-Kosmos so spannend. Doch dieses Mal will die Rechnung irgendwie nicht aufgehen.

Touralltag

Während die Grundidee einige Turbulenzen verspricht, verliert sich die Handlung spätestens mit dem Beginn der „Magical Mystery Tour“ schnell in den immer gleichen Geschehnissen: Fahrt zu einem Club, Auftritt und Absturz des größten Teils der Gruppe, Karl Schmidt kehrt die Scherben zusammen und darum herum unendlich viel Gerede. In „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“ treten gerade die Dialoge als Stärke hervor, in denen es Regener gelingt, große Erkenntnisse in einfachen Worten zu vermitteln. Der Leser erlebt die Gespräche unaufgesetzt und in ihrer ganz eigenen Logik überzeugend. Im neuen Roman dagegen stößt man nur selten auf solche Dialoge. Zwar wird sehr viel (vielleicht zu viel) geredet, doch hinter der Fassade der simplen Absurdität verbirgt sich meist ein Sinn, der so tief ist wie der Aralsee. Es scheint fast so, als ringe Regener erfolglos um den Geist des Lehmann-Szenarios. Grund dafür sind auch die Personen. Spätestens auf der Tour verschwimmen sie zu einem großen Knäuel; irgendwann kann man sie gar nicht mehr auseinanderhalten, weil sie sich zum einen sehr ähnlich sind und zum anderen zu wenig Profil haben. So wie der Tourbesatzung bleibt auch dem Leser das Zauberhafte an der Magical-Mystery-Sause verborgen. Karl Schmidt selbst steht als Fels in der Brandung inmitten der Handlung, erfüllt stoisch seinen Job. Nur ein einziges Mal bricht es aus ihm heraus und er wird durch seine neu gewonnene Freiheit in Form einer Panikattacke übermannt – für mich die stärkste Passage im Buch. Ähnlich interessant und nahegehend ist die angedeutete innere Auseinandersetzung Karls mit seiner Künstleridentität, die seit dem Zusammenbruch im Wendejahr brach liegt. An diesen Stellen im Buch lässt sich die Zerrissenheit und Traurigkeit erahnen, die sich in Karl nach längerer Zeit in der Schutzhaft des Entzuges breit gemacht hat.

Starker Beat

Neben diesen wenigen inhaltlichen Teilen ist es vor allem eins, was dem Roman dennoch Leben einhaucht: der Sound. Regener hat in seiner literarischen Arbeit einen ureigenen und einzigartigen Ton entwickelt. Schnorrig, liebevoll und glasklar erzählt er seine Geschichte. Atemlos, aber erstaunlich unaufgeregt reiht sich Wort an Wort. Werden sie nicht von Dialogen unterbrochen, winden sich Sätze oft über viele Zeilen oder sogar Seiten. Nicht nur weil Sven Regener Musiker ist, muss man hier von „Melodie“ und „Beat“ sprechen.

Doch leider reicht das alleine nicht aus, um aus „Magical Mystery“, gemessen an seinen Vorgängern, ein hervorragendes Buch zu machen. Die eingängigen Töne täuschen nicht darüber hinweg, dass inhaltlich einiges auf der Strecke bleibt. Eine Spannungskurve sucht man vergebens, obwohl permanent etwas passiert. Ecken und Kanten, denen sich der Leser festhalten kann, sind kaum vorhanden. Viel zu ähnliche Figuren, inhaltsleere Dialoge und sich scheinbar ständig wiederholende Geschehnisse lassen den Roman in eine eher fade Suppe zusammenfließen. Regener hat die Messlatte mit der Lehmann-Trilogie selbst sehr hochgelegt und wird den eigenen Ansprüchen nach meinem Empfinden nicht gerecht. Viel zu sagen hat er in „Magical Mystery“ leider nicht. Deshalb bleibt mir das Buch als Enttäuschung in Erinnerung. Ich werde auch das nächste Werk des Autors lesen, sollte eines erscheinen. Und ich werde auch das nächste Album von Element of Crime kaufen. Denn sowohl als Autor als auch als Bandleader ist Regener ein Solitär hierzulande. Doch er sollte aufpassen, dass man sich an seine Einzigartigkeit nicht gewöhnt.

Wäre das Buch ein Album von Element of Crime, welches wäre es dann? „An einem Sonntag im April“

Welche Pflanze wäre auf einem Alternativcover: Roggen

Wo lesen: auf einem Kinderkarussell

Wem schenken: dem großen Bruder

Ein Satz, der bleibt: „Dann habe ich ja immer und ewig Meerschweinchen am Hals“, sagte Holger. „Ich kann doch nicht mein Leben lang immer wieder Meerschweinchen dazukaufen, da kannst du ja ewig warten, dass die genau gleichzeitig sterben, das ist doch Quatsch!“

 

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