Sluk

Lars Saabye CChristensen_LSDer_Sommer_in_dem_meine_135953hristensen: „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“, btb Verlag 2013

Seit dem großen Erfolg des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erscheinen immer mehr Bücher, deren Titel aus einem Substantiv plus Attributsatz bestehen. Nahezu ausnahmslos betrifft das übersetzte Titel. Leider greift dieser Marketingkniff oft zu kurz und wird den Büchern nicht gerecht. So erschien 2013 „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“. Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen hatte dem Buch in seiner Sprache den Titel „Sluk“ gegeben – und das nicht ohne Grund, hat das Wort doch verschiedene Bedeutungen. Zum einen bedeutet es Blinker und meint damit den beim Angeln eingesetzten Kunstköder, zum anderen bezeichnet es einen Abfluss, in dem etwa das Regenwasser von einer Straße verschwindet, in dem aber auch Dinge aufgefangen werden, die nicht in der Kanalisation verschwinden sollen. Und genauso doppeldeutig wie das Wort ist auch dieser Roman, der eigentlich aus zwei, wenn nicht sogar drei Romanen besteht.

Beide Geschichten des Buches – die erste trägt tatsächlich den vom deutschen Verlag gewählten Romantitel, die zweite heißt „Der Übermittler“ – stehen gleichberechtigt und scheinbar unverbunden nebeneinander. Eingeleitet werden sie jeweils durch einen kurzen Prolog. Der Epilog könnte gleichsam als dritter Teil des Buches bestehen, doch stellt sich während der Lektüre heraus, dass er die Klammer zum ersten Teil bildet. Schließt man das Buch nach dem Lesen, dann stellt man fest, dass man gerade die Biographie eines Schriftstellers gelesen hat. Und während dieses kleinen Moments der Erkenntnis läuft dieser großartige Roman vor dem inneren Auge noch einmal ab und die Geschichte setzt sich neu zusammen.

Monduntergang

Der erste Teil beschreibt den Sommer 1969 des 15-jährigen Funder. Er verbringt ihn gemeinsam mit seiner Mutter in einem Sommerhaus auf einer Insel vor Oslo. Der Vater konnte die Familie wegen eines Beinbruchs nicht begleiten, doch nach und nach stellt sich heraus, dass seine Abwesenheit andere Gründe hat. Funder hat sich eine große Aufgabe für den Sommer gestellt: Er will ein Gedicht schreiben. Die Schreibmaschine steht bereit, der Titel bereits fest: „Monduntergang“. Jetzt heißt es nur noch, auf die Inspiration zu warten. Währenddessen begleiten wir ihn dabei, wie er sich – nahezu gegen seinen Willen – mit Iver Malt anfreundet, ein aussätziger Altersgenosse auf der Insel. Iver zeigt ihm, wie man angelt. Wir erleben, wie sich Funder in ein Mädchen verliebt, wie er versucht, ihren Freunden zu gefallen, wie er viele Dinge tut, von denen er selbst weiß, dass sie eigentlich nichts mit ihm zu tun haben. Und über allem scheint der Mond, auf dem erstmals Menschen herumtrampeln. Der Sommer wird jäh beendet, als Ivar Malt ein dunkles Geheimnis lüftet. Und schließlich steht Funder auf der Fähre und hat einen Sommer erlebt, in dem alles schief gelaufen ist. Ein Sommer, der ihn zum Schriftsteller gemacht hat.

Am Ende kommt alles zurück

Jahre später begegnen wir ihm wieder, im Epilog. Als gestandener Autor befindet er sich in einer amerikanischen Nervenheilanstalt. Er kämpft damit, ein Werk zurückzuholen. Es ist von seiner Festplatte verschwunden, abgeflossen wie Wasser von einer Straße. Deswegen geht er zurück zum Anfang, als die Inspiration ihn gefunden hatte. Er bringt die Erlebnisse des entscheidenden Sommers aufs Papier, um sich seiner selbst wieder zu vergewissern. Schließlich „muss man ein Haus bauen können, bevor man es zeichnen kann“. Dass es ihm gelungen ist, den verschwundenen Roman zurückzuholen, beweist der zweite Teil des Buches. Denn hier wird die Geschichte wiedergegeben. Sie spielt in dem nordamerikanischen Kaff Karmack. Der Ort hat die besten Zeiten hinter sich. Menschen ziehen weg, Läden schließen, die Eisenbahn hält nicht mehr. Nur Unfälle und Gewaltdelikte mit Todesfolge haben Hochkonjunktur. Deshalb sucht die Stadt einen „Übermittler“, der den Angehörigen Verstorbener die schlechte Botschaft überbringen soll. Frank Farelli, 35, ehemaliger Schalterbeamter am Bahnhof, bekommt die Stelle. Doch was für den Durchschnittstypen Frank anfangs nur ein Job ist, entwickelt sich schnell zu einer Profession, die auch vor seinem Privatleben nicht halt macht und schließlich völlig von ihm Besitz ergreift. Doch auch der Tod macht vor Franks Umfeld nicht halt. Eine tragische Verwechslung führt schließlich zur Katastrophe.

Feine Fäden

Obwohl die beiden Geschichten – die eine ein Teil von Funders Autobiographie, die andere komplett erdacht – unverbunden nebeneinanderstehen, entdeckt der Leser immer wieder Fäden, die beide Teile zusammenführen. Der offensichtlichste – vor allem natürlich, weil er dem Buch vorangestellt ist – ist der Song „Blue Skies“, der in allen drei Geschichten auftaucht. Der Jazzstandard aus der Feder von Irving Berlin trägt so viel Ambivalenz in sich, dass er ohne weiteres einen solchen Roman völlig umspannen kann. Er spielt textlich mit der Doppeldeutigkeit des Wortes „blue“, dass sowohl etwa einen strahlendblauen Himmel meinen kann als auch einen tieftraurigen Zustand, dem nicht zuletzt der Blues seinen Namen verdankt. Musikalisch vereint das Lied Moll- und Dur-Passagen in sich.

Ähnlich wie in „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“ ist das gesamte Werk Christensens durch zahllose Fäden verwoben, die es zu einem ganz eigenen Kosmos werden lassen. Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsautor der Gegenwart fragte, dann würde ich Lars Saabye Christensen nennen. Seit der Lektüre seines Romans „Yesterday“ Mitte der 90er Jahre habe ich keines seiner Bücher verpasst und die alten nachgeholt. Christensen, Jahrgang 1953, ist Norwegens bedeutendster Autor der Gegenwart, mit skandinavischen Buchpreisen überhäuft und die meisten Werke erscheinen – nicht zuletzt dank der hervorragenden Übersetzerin Christel Hildebrandt – auch auf Deutsch. Ich kenne keinen Prosa-Autor, dem es so gelingt, mit ganz einfachen Worten klar und doch hochpoetisch zu erzählen. Seine wundervollen Bilder wirft er scheinbar beiläufig aufs Papier, und als Leser stopft man sie sich wie Strandsteine in die Tasche, um sie immer wieder zu berühren, sich an schöne Tage am Meer zu erinnern und sich gleichsam schmerzlich vor Augen zu führen, das diese nicht wiederkommen werden. Christensen schickt in seinen Romanen und Erzählungen Charaktere auf die Reise, die dem Leser seltsam nah sind und ihn nie mehr los lassen.

Ein Satz, der bleibt:Früher war ich glücklich, jetzt geht es mir besser“

Wem schenken: Krimilesern, damit sie sehen, dass Skandinavien mehr zu bieten hat.

Wäre das Buch ein Monat, dann der März – zwar kalt, aber man weiß, dass der Winter vorbei ist.

Wenn dieses Buch ein Song von den Beatles wäre, dann „A day in the life“ – zwei Teile verschmelzen zu einem großartigen Ganzen

„Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“ bei buch7.de kaufen

Ein Gedanke zu „Sluk&8220;

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.