Skizze eines Erwachsenwerdens

kubiczekskizzeAndré Kubiczek „Skizze eines Sommers“, Rowohlt 2016

Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal vor Bekanntgabe des Buchpreis-Gewinners bereits 1,5 Romane der Shortlist gelesen zu haben. Dieses Jahr aber fiebere ich bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises so richtig mit.
Und da ich Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ganz schnell weggelegt und André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ hingegen ganz schnell gelesen habe, kann dieser Text hier auch nur eines sein:
EINE LOBHUDELEI!

Bleistiftstummel und Baudelaire

Potsdam 1985: René ist gerade 16 geworden und lebt allein mit seinem Vater in einer Potsdamer Plattenbausiedlung. Als der Vaterzu einer siebenwöchigen Dienstreise aufbricht, bleibt René mit einem Batzen Geld und jeder Menge freier Zeit zurück.
1985 war ich gerade drei Jahre alt und lebte in der thüringischen Provinz, an die DDR kann ich mich größtenteils nur noch im Sinne eines Gefühls erinnern. Merkwürdigerweise fängt dieses Buch trotz der zwischen mir und Renè liegenden Jahre dieses Gefühl wieder ein.
Und das gelingt so meisterhaft, dass ich sogar schon von René geträumt und nach intensivem Youtube-Schauen (The Triffids „Hell of a Summer“) seit Tagen einen Ohrwurm habe.
Die „Skizze eines Sommers“ hat mich richtig vereinnahmt.
Das liegt aber nicht nur an der Stimmung und dem Coming-of-Age-Thema, für das ich ohnehin eine Schwäche habe.
Nein, es sind vor allem die freundlich gezeichneten Figuren, die mich so für die „Skizze“ eingenommen haben. Ja, René und seine Freunde lesen Baudelaire und Konsorten, ja, sie wollen um jeden Preis intellektuell sein, ja, sie arbeiten an einem ausgefeilten Musikgeschmack – und all das könnte ziemlich unsympathisch sein. Doch so ist es nicht- denn alles ist erzählerisch wohldosiert und als Essenz des Erwachsenwerdens schlichtweg anrührend und nachvollziehbar. (Da sind sie also hin, die guten alten Zeiten, in denen schlaue Jungs noch Bleistiftstummel horteten und Bücher wertvoll waren.)
René, seine Freunde und die Mädchen, die Freundinnen sind, waren oder werden sollen, sind rundherum sympathisch. Sie rauchen und trinken unentwegt, aber nur, weil sich ihnen die Gelegenheit bietet und das halt zum Erwachsenwerden dazugehört.
Sogar die doch eigentlich auf’s Nervigsein abonnierte kleine Schwester ist bei Kubiczek niedlich und liebenswert. Und nocht nicht einmal die thüringische Provinz – Kaltennordheim! – kommt bei den coolen Jungs aus der Großstadt richtig schlecht weg. Irgendwie ist es überall schön. „Kommt nur darauf an, mit wem man dort ist.“

Wie ein richtig guter Ohrwurm

Wer das Gefühl von Wehmut ab und an ganz gern hat, für den ist dieses Buch sehr richtig.
Mir ist vor allem Renés direkt den Leser ansprechende Erzählerstimme nicht mehr aus dem Kopf gegangen, ganz zu schweigen von den „Triffids“. Musik spielt hier eine große Rolle, doch von musikmanischen Romanen à la Hornby ist Kubiczek glücklicherweise weit entfernt.
Auch die Dramen um den Tod der Mutter und die Überforderung des Vaters stehen zwar immer im Raum, kommen aber ohne Pathos aus und nehmen dem Sommer 1985 nicht die Leichtigkeit. Vielmehr scheint René von einem feinem Beziehungsnetz gehalten zu werden, das trotz der eigentlich tragischen Situation wie ein Sicherheitsnetz wirkt. Beim Lesen des Buches kann man René wunderbar beim Spinnen der Beziehungsfäden beobachten. Das macht er ziemlich gut. Diesen elternlosen Teenager würde ich sofort zum Abendbrot einladen.

Doch stattdessen suche ich mal wieder „The Smiths“ raus. Und besorge mir alle anderen Kubiczek-Werke.

Wo man lesen sollte…
Zu Besuch bei den Eltern.

Wenn dieses Buch ein Getränk wäre…
Schwarzer Tee mit Zitrone und Zucker

Wem schenken
Dem 16-Jährige, dem ein bisschen mehr Empathie gut stehen würde.
Dem 16-Jährige, der sowieso schon sensibel ist.
Und allen, die in in ihrer Jugend Musik und Bücher mochten.

Ein Gedanke zu „Skizze eines Erwachsenwerdens

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