Zwischen Ende und Anfang

9783462044416Tino Hanekamp: „So was von da“, Kiepenheuer & Witsch, 2011.

Vor knapp zwei Jahren hatte ich meinen „John-Lennon-Moment“. Das Radio verkündete am Morgen, dass Nils Koppruch gestorben war. Im Halbschlaf dachte ich erst, mich verhört zu haben, als sich dann aber ein Lied von seiner letzten Platte an die Nachrichten anschloss, war ich wach und ich musste im Internet lesen, dass sich Traum und Realität nicht überlagert hatten. Klingt übertrieben, aber so ungefähr hab ich mir den Moment vorgestellt, als vor 30 Jahren die Welt vom Tod des Beatle erfuhr. Zwischen Ende und Anfang weiterlesen

Allahs Punks

Michael Mutaqwacore_300dpihammad Knight: Taqwacore, Rogner & Bernhard 2011; Original: The Taqwacores, 2004)

Vor einigen Wochen besuchte ich aus beruflichen Gründen eine dreitägige Veranstaltung, die als Höhepunkte die Auftritte eines berühmten Koches, eines mittelmäßig berühmten Arztes und eines irgendwann mal berühmten Sängers bereithielt. Eingekeilt zwischen esoterisch veranlagten Damen, die mit allerlei Verkaufstricks versuchten, ihre selbstverfassten Findungsbücher – überwiegend – an die Frau zu bringen („Ich lese Ihnen gern mal aus der Hand, kostet sonst 60 Euro.“), saß ich weitestgehend apathisch auf einem Stuhl und beobachtete das Geschehen auf der Bühne, auf der besagte Stargäste sich mit weniger begabten Vortragenden die Klinke in die Hand gaben. Ein begnadeter, aber leider unbeachteter Folksänger füllte die Pausen. Und statt Tumbleweed, das in Western gern mal durch die Ödnis rollt, schoben sich in unregelmäßigen Abständen Senioren mit ihren Rollatoren durch mein Blickfeld.   Allahs Punks weiterlesen

Ein bisschen grau

murakamiHaruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Dumont 2014

M-U-R-A-K-A-M-I. Der Name ist in aller Munde und vom Bibliothekar bis zum Feuilletonredakteur sind sich alle einig: „Wer Murakami nicht liest, verpasst etwas.“  Da versuch‘ ich mich doch auch mal am „Rekordbestseller“ (Dumont Verlag). Vielleicht klappt’s ja doch noch mit Herrn Murakami und mir. Schließlich habe ich mich ja nach mehreren missglückten Versuchen auch einigermaßen mit der „Gefährlichen Geliebten“ angefreundet. Das Cover ist ja schon einmal sehr, sehr viel versprechend. Ein bisschen grau weiterlesen

Die Summe der einzelnen Teile II

Tom Rachman: Die 574_img1Unperfekten, dtv 2013 (Original: The Imperfectionists 2010)
Tom Rachman beschreibt in seinem Debütroman den Niedergang einer englischsprachigen Tageszeitung, die in Rom erscheint. Er bedient sich dabei ebenfalls der kleinteiligen Struktur des Episodenromans, weshalb ich ihn – wie an anderer Stelle erwähnt – mit Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ besprechen möchte.
Das Buch des gebürtigen Briten besteht aus zwei Bereichen: In elf Short Storys zeichnet er das Bild des Personals nach, das für die Tageszeitung arbeitet bzw. mit ihr in Verbindung steht. Zusammengehalten werden diese Portraits durch eine Chronik des Blattes, von der Gründung in den 1950er Jahren bis zur Schließung der Redaktion 2007, die in kurzen Episoden (ausschnitthaft) wiedergegeben wird. Das Ensemble ist breit gefächert und erinnert etwas an Figuren aus einem Woody-Allen Film.

Die Summe der einzelnen Teile II weiterlesen

Mit Vorsicht zu genießen

Hein_WeiskernChristoph Hein: Weiskerns Nachlass, Suhrkamp 2011

Warnung! Geisteswissenschaftler, die sich kurz vor Studienabschluss, auf Jobsuche oder in einer ähnlich gearteten Lebenskrise befinden, sollten die – wenn auch unbedingt empfehlenswerte – Lektüre von „Weiskerns Nachlass“ besser auf später verschieben. Denn was prekär anfängt, kann auch prekär enden.

Mit Vorsicht zu genießen weiterlesen

Die Summe der einzelnen Teile I

u1_978-3-596-18940-3Auf fast allen Titeln moderner Belletristik-Bücher in einer Buchhandlung steht ein kleines Wörtchen an prominenter Stelle auf dem Cover: Roman. Nicht ohne Grund hat sich die Gattung als die beliebteste bei den Leserinnen und Lesern herauskristallisiert. Erwartet man sich von ihr doch den größten Lesegenuss, weil der in der Regel große Umfang und die fließende Handlung ein tiefes Eintauchen in andere Welten verspricht.

Doch scheinen in den vergangenen Jahren viele Autoren den Leser aus dieser Komfortzone herausschubsen und fordern zu wollen – so zumindest meine Wahrnehmung. Sie brechen mit der Erwartungshaltung, indem sie die stringente Struktur des Romans zunehmend dekonstruieren und kleinteiliger werden lassen. Aufgefallen ist mir das vor kurzem, als ich zufälligerweise zwei Bücher hintereinander gelesen habe, die sich in der Struktur sehr ähneln und die ich deshalb kurz hintereinander vorstellen möchte: Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ und „Die Unperfekten“ von Tom Rachman. Beides sind Episodenromane, doch unterscheiden sie sich erheblich dadurch, wie die einzelnen Teile miteinander verbunden sind.

Die Summe der einzelnen Teile I weiterlesen

Der Ohrensessel lässt grüßen

Galbraith_KuckuckRobert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks, Blanvalet Verlag 2013

Ich liebe Krimis und fürchte mich vor Thrillern. Mittlerweile habe ich den Eindruck, die Blutrünstigkeit erfährt immer neue Höhepunkte und hat noch unendlich viel Luft nach oben. Ich weiß, Autor und Werk sollte man nicht unbedingt in einen Topf werfen. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu fragen, was für Menschen sich solche Abgründigkeiten ausdenken? Selbst wenn Stieg Larsson noch lebte, würde ich mich von ihm nicht auf eine Zimtschnecke einladen lassen. Da bin ich feige.

Meine jugendlichen Bibliotheksausflüge hingegen haben mich mit Agatha Christie verkuppelt. Ich weiß noch wie enttäuscht ich war, als es irgendwann einfach nichts mehr von ihr zu lesen gab. Ende. Aus. Mrs. Christie konnte halt aus dem Jenseits schlecht für Nachschub sorgen. Hercule Poirot mit seinen „kleinen grauen Zellen“ war mein Held und „Cluedo“ halte ich immer noch für ein aufregendes Spiel.  Und spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, wie zart besaitet ich bin.

Kein Wunder also, dass ich mit Robert Galbraiths „Der Ruf des Kuckucks“ in meiner persönlichen Komfortzone angelangt bin. Der Ohrensessel lässt grüßen weiterlesen

Der Schüler in uns

Goebel_OsborneJoey Goebel: Ich gegen Osborne, Diogenes Verlag 2013.

Hin und wieder möchte ich beim Lesen ja auf Vertrautes treffen; das Personal und die Verwicklungen schon kennen. Und dabei möglichst in Erinnerungen schwelgen. Vermutlich geht es nicht nur mir so. Kein Wunder also, dass sich Bücher und Serien rund um das Thema Schule immer wieder bestens verkaufen. Denn Lehrer, Schüler und das ganze Drumherum bieten schließlich nie versiegenden Erzählstoff. So ein „Schul-Buch“ ist dank der Schulpflicht einfach massentauglich: Als Jugendbuch bietet es Trost und Unterhaltung für diejenigen, die gerade mittendrin stecken und der Rest der Welt befriedigt damit Anwandlungen von Nostalgie und „Gott-sei-Dank-ist-es-vorbei“-Gedanken gleichermaßen. Schule funktioniert so gut, dass es sich der deutsche Leser auch in der Welt der amerikanischen High-School gemütlich machen kann. Denn die kennt er ja zur Genüge aus Musikvideos, Fernseh-Serien und schaurigen Nachrichtenmeldungen.

Gut für den Buchmarkt und gut für mich also, dass man sich mit „Ich gegen Osborne“ auf bekanntestem Terrain bewegt und dabei trotzdem außerordentlich gut unterhalten wird. Der Schüler in uns weiterlesen

Gewohnt schrullig

Regener_cover

Sven Regener: „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“, Verlag Galiani, 2013.

Seit ungefähr 20 Jahren nimmt die deutsche Band Element of Crime immer das gleiche Album auf. Regelmäßig erscheinen zehn bis zwölf neue Lieder – von Frontmann Sven Regener selbst ganz richtig mit dem Schlachtruf „Romantik!!!“ versehen. Sicher tut man der Band nicht unrecht, wenn man sagt, sie mache Stimmungsmusik im positiven Sinn: Ihre Musik hüllt den Hörer dank schöner Worte und geruhsamer Musik in eine melancholische Atmosphäre ein. Allerdings besteht die Gefahr, dass unter diesem Schleier die Songs zu einem großen Brei zusammenfließen und der Charakter einzelner Songs verloren geht. Das Risiko, sich zu wiederholen und dabei beliebig zu werden, besteht nicht nur in der Musik, sondern auch in der Literatur. Gewohnt schrullig weiterlesen