Grünes Blut

Mercè Rodoreda: „Der Garten überb_2014_rodoreda_4 dem Meer“, mareverlag 2014.

Vor kurzem ist Leonard Nimoy gestorben. Oder sollte ich besser sagen Mr. Spock? Denn weltweit wird er wohl als eben dieser Erste Offizier des Raumschiffs Enterprise in Erinnerung bleiben. Das faszinierende an Spock lag vor allem in seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit begründet. Dem nüchtern denkenden, vernunftgesteuerten Halbvulkanier lag die Gefühlswelt der Menschen fremd, doch ausgerechnet diese Eigenschaft machte ihn zu einem der beliebtesten Figuren, sogar über das Star-Trek-Universum hinaus. Spocks Neutralität erscheint wie buddhistische Gleichmut, wie eine absolute Gelassenheit, in der Emotionalität nicht möglich ist. Und gleichzeitig schwingt da immer auch diese Melancholie mit, die sich einstellt, wenn sich das Gefühlsleben immer auf Nulllinie bewegt, während rundherum gelacht und geweint wird. Nimoy, der übrigens auch Dichter war, setzte kurz vor seinem Tod einen Tweet ab, der mit der Einsicht eines alten Mannes diesen melancholischen Eindruck noch einmal verstärkt:„A life is a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory.“ („Ein Leben ist ein Garten: Perfekte Momente können erlebt, aber nicht bewahrt werden – außer in der Erinnerung.“) Grünes Blut weiterlesen

Unterwegs mit Anita

ArztromanKristof Magnusson: „Arztroman“, Verlag Antje Kunstmann 2014.

Emergency Room, Grey’s Anatomy, Dr. House. – Das alles ist nichts für mich. Medizin in Film und Fernsehen lässt mich kalt, geradezu eiskalt.
Aber wehe, ich kriege eine „Apotheken-Umschau“ in die Finger! Und an manchen Tagen juckt mich das Weltgeschehen nicht so sehr wie der „Rätselhafte Patient“ auf Spiegel Online.
Auch Arztromane standen noch nie auf meiner Liste, da fühle ich ja förmlich das dünne Papier. Um nur eines der geringeren Übel zu nennen. Ganz nüchtern hingegen kommt das 2014 erschienene Werk von Kristof Magnusson, den man spätestens seit „Das war ich nicht“ kennt und kennen sollte, daher. Er nennt es einfach „Arztroman“. „Ärztinnenroman“ klingt eben einfach nicht gut. Aber genau das ist es: Ein Roman, der sich mit einer Notärztin, ihren Patienten, Kollegen und selbstverständlich mit ihrem Privatleben beschäftigt. So nüchtern wie der Titel ist auch das Cover, schlicht und gut. Unterwegs mit Anita weiterlesen

Es müsste immer Soul da sein

485-219Michael Chabon: „Telegraph Avenue“, Kiepenheuer und Witsch 2014 (Original 2012)

In fast allen meinen bisherigen Rezensionen dreht es sich um Bücher, die irgendwie mit Musik zu tun haben. Das war so nicht beabsichtigt. Ich bin zugegebenermaßen schon etwas überrascht, dass meine Begeisterung für Musik sich tatsächlich auch in der Wahl meiner Bücher niederschlägt. Aber eigentlich sollte mich das nicht wundern, denn insgeheim sehe ich es genauso wie Floyd aus dem Film „Absolute Giganten“: „Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn’s so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“ Es müsste immer Soul da sein weiterlesen

Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis

DeutschlehrerinJudith W. Taschler: „Die Deutschlehrerin“, Droemer 2014

Ab und an schaue ich nach, wer denn diesmal den Glauser-Preis gewonnen hat. Im Jahr 2014 ging er an Judith W. Taschler und ihren Roman „Die Deutschlehrerin“. Für alle, die den Preis nicht kennen: Seit mehr als 20 Jahren wird der „Glauser“ für den besten Kriminalroman verliehen. Und zwar vom „Syndikat“, der Autorengruppe deutschsprachiger Krimi-Schriftsteller. Das Preisgeld von 5000 Euro bringen die Autoren selbst auf; für solch hochkarätige Mitglieder wie Sebastian Fitzek und Ingrid Noll dürfte das ja kein Problem darstellen. Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis weiterlesen

Helsinki ist überall

TeirPhilip Teir: Winterkrieg”, Blessing Verlag 2014

Die Buchmesse 2014 ist Geschichte und Ehrengast Finnland bereitet sich daheim mit Korvapuusti und Karhu auf den langen, dunklen Winter vor. Da wird es wirklich Zeit, meine diesjährige Buchmessenentdeckung unter die Leser zu bringen.

Philip Teirs „Winterkrieg“ kann man nämlich auch und nicht nur im deutschen Winter sehr gut lesen. Glücklicherweise nahm die örtlichen Stadtbücherei die Buchmesse zum Anlass, dieses Buch an exponierter Stelle zu präsentieren – sicherlich wäre es mir sonst nicht begegnet. Ob es ohne den finnischen Ehrengast überhaupt in Deutschland erschienen wäre? Wie hätte dann wohl das Marketing ausgesehen? Hätte die Bibliothekarin „Winterkrieg“ überhaupt gekauft und so aufgestellt, dass man förmlich darüber stolpern musste? Vielleicht sollte ich mal nachfragen… Helsinki ist überall weiterlesen

Sluk

Lars Saabye CChristensen_LSDer_Sommer_in_dem_meine_135953hristensen: „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“, btb Verlag 2013

Seit dem großen Erfolg des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erscheinen immer mehr Bücher, deren Titel aus einem Substantiv plus Attributsatz bestehen. Nahezu ausnahmslos betrifft das übersetzte Titel. Leider greift dieser Marketingkniff oft zu kurz und wird den Büchern nicht gerecht. So erschien 2013 „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“. Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen hatte dem Buch in seiner Sprache den Titel „Sluk“ gegeben – und das nicht ohne Grund, hat das Wort doch verschiedene Bedeutungen. Zum einen bedeutet es Blinker und meint damit den beim Angeln eingesetzten Kunstköder, zum anderen bezeichnet es einen Abfluss, in dem etwa das Regenwasser von einer Straße verschwindet, in dem aber auch Dinge aufgefangen werden, die nicht in der Kanalisation verschwinden sollen. Und genauso doppeldeutig wie das Wort ist auch dieser Roman, der eigentlich aus zwei, wenn nicht sogar drei Romanen besteht. Sluk weiterlesen

Emma antwortet nicht

simJonathan Coe: „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“, Deutsche Verlags-Anstalt 2010

Vor einiger Zeit lief der Film „Her“ in den Kinos. Ein Mann mittleren Alters, von Beruf professioneller Briefeschreiber, verliebt sich in das Betriebssystem, das all seine technischen Geräte und bald auch sein Leben verwaltet. Samantha – so der Name des Systems – taucht zwar nicht körperlich auf, Sex Appeal bleibt trotzdem nicht aus, denn Scarlett Johansson leiht Samantha ihre Stimme. Sie entwickelt eine eigene Persönlichkeit und verwickelt sich mit seinem Besitzer in eine buchstäbliche Amour fou. Regisseur und Autor Spike Jonze sucht mit diesem stillen Meisterwerk Antworten auf elementare Fragen in der hochtechnisierten Gesellschaft: Was verbindet Menschen? Verändert sich die Liebe in Zeiten des W-Lans? Warum gibt es Einsamkeit in einer Gesellschaft, die vor Kommunikationsmitteln nur so strotzt? Der Film hat mich länger beschäftigt als nur während des Wegs vom Kino nach Hause. Im Vorfeld hatte ich befürchtet, dass das Thema – Mann verliebt sich in (Computer)Stimme – zu absurd erscheinen könnte. Doch das erstaunlichste ist, dass das Paar bereits nach kurzer Zeit völlig normal erscheint. Emma antwortet nicht weiterlesen

Halbe Welt

Hermann_LiebeJudith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, S. Fischer Verlag 2014

„Sommerhaus, später“ steht seit Jahren in meinem Bücherregal, ist jedes Mal mit mir umgezogen und ziemlich zerlesen; schließlich musste es auch für meine erste Seminararbeit herhalten. Daneben steht selbstverständlich „Nichts als Gespenster“, der sehnlichst erwartete und von der Kritik nicht mehr ganz so begeistert aufgenommene „Zweitling“. Der gefiel mir ganz gut, und wurde zum Glück auch verfilmt. Davon blieben mir vor allem Brigitte Hobmeier und Stipe Erceg im Gedächtnis. Schöne Erinnerungen. Halbe Welt weiterlesen

Alt sind immer nur die anderen

smithZadie Smith: „London NW“, Kiepenheuer & Witsch 2014

Es ist zweifellos deprimierend, wenn einem die eigenen Freunde plötzlich alt vorkommen; spießig, bürgerlich und langweilig. Und nur das „Weißt-du-noch“ als öder Spaß bleibt, von dem man irgendwann nicht mehr weiß, wo Wahrheit aufhört und Dichtung anfängt.
So geht es zumindest den vier Hauptpersonen Leah, Natalie, Nathan und Felix in Zadie Smiths Roman „London NW“.
Leah und Natalie verbindet eine mehr oder weniger auf Verpflichtung beruhende Freundschaft und Nathan und Felix sind so etwas wie Relikte aus alten Zeiten. Aber was heißt hier eigentlich alt? So richtig alt sind Leah, Natalie/Keisha, Nathan und Felix mit Mitte Dreißig natürlich noch nicht. Schließlich ist ja Dreißig das neue Zwanzig. Sagen wir also lieber erwachsen dazu. Alt sind immer nur die anderen weiterlesen

Zwischen Ende und Anfang

9783462044416Tino Hanekamp: „So was von da“, Kiepenheuer & Witsch, 2011.

Vor knapp zwei Jahren hatte ich meinen „John-Lennon-Moment“. Das Radio verkündete am Morgen, dass Nils Koppruch gestorben war. Im Halbschlaf dachte ich erst, mich verhört zu haben, als sich dann aber ein Lied von seiner letzten Platte an die Nachrichten anschloss, war ich wach und ich musste im Internet lesen, dass sich Traum und Realität nicht überlagert hatten. Klingt übertrieben, aber so ungefähr hab ich mir den Moment vorgestellt, als vor 30 Jahren die Welt vom Tod des Beatle erfuhr. Zwischen Ende und Anfang weiterlesen