Namenlos durch die Welt

Smith, Zadie: Swing Time, KiWi 2017.

Nachdem ich „Swing Time“ zugeklappt hatte, fragte ich mich sofort: Was hat mich daran eigentlich so gefesselt? Merkwürdigerweise aber stellte sich mir diese Frage während des Lesens nie. Ohne zu zögern hatte ich die 625 Seiten in nur sieben Tage weggelesen.
Die Hauptfigur in „Swing Time“ nimmt uns mit auf eine 25 Jahre ihres Lebens umfassende Reise. Dass sie namenlos ist, fiel mir erst nach ca. 30 Seiten auf. Dem Roman schadet die Namenlosigkeit keineswegs, der Lesbarkeit dieses Textes schon eher. Ich muss mich hier mit einem „sie“ begnügen, während die Protagonistin ihre Lebensgeschichte in der Ich-Form erzählt.

Der Roman beginnt am 25.10.2008. Der erwachsenen Ich-Erzählerin ist etwas widerfahren. Was genau das ist, bleibt im Dunkeln. Smith baut eine wohldosierte Spannung auf, macht aber sogleich deutlich, dass dies nicht das Hauptaugenmerk des Romans ist. „Sie“ erzählt in Rückblenden und von Episoden, die mal mehr oder weniger in der Vergangenheit liegen. Das Erzählen richtet sich nicht nach strengen Chronologien. Vielmehr liegt der Fokus auf dem Geflecht aus Ereignissen, Stimmungen, Personen und Beziehungen. Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Protagonistin zu Tracey, die „sie“ 1982 im Tanzunterricht trifft. Tracey ist das Kind einer weißen Mutter und eines schwarzen Kleinkriminellen, „sie“ das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters . Die Kinder fühlen sich sofort zueinander hingezogen, auch wenn die braune Hautfarbe und die Liebe zum Tanz ihre einzigen Gemeinsamkeiten zu sein scheinen. Während Tracey talentiert und rebellisch ist, gibt die Erzählerin das Tanzen wegen Talentfreiheit auf und sucht sich andere Wege. Dies ist möglich, da sie mit einer bildungshungrigen, aufstiegsorientierten Mutter und einem unzeitgemäß fürsorglichen Vaters aufwächst, während Tracey die Glitzerprinzessin einer Alleinerziehenden ohne Aufstiegschancen ist. Die Unterschiedlichkeit der Mütter zeigt sich in deren Haltung und Anspruch, die finanziellen Mittel sind die gleichen.
Durch die Augen der Protagonistin sehen wir die Mädchen aufwachsen, einander prägen, sich entzweien, sich gelegentlich „über den Weg laufen“. Währenddessen kämpfen sich die Protagonistin und ihre Mutter aus der trostlosen Londoner Sozialsiedlung heraus – die Mutter dank ihres unglaublichen Bildungshungers und die Tochter, weil sie von diesem profitiert und wenig später als erste der Familie eine stringente Bildungsbiografie vorweisen kann. Ihre berufliche Karriere startet sie bei einem Musiksender und durch die Beschreibung des herrschenden Zeitgeistes habe ich mich sogar ein wenig (und sehr angenehm) an Stuckrad-Barres „Panikherz“ erinnert gefühlt. Dass sie später als Assistentin eines 12 Jahre älteren, dominanten Popstars von Konzert zu Konzert jettet und auch schon einmal deren Schuhe katalogisiert – geschenkt. Als beruflich Reisende ist sie so ungebunden, wie es ihrem Wesen zu entsprechen scheint. Beim Aufbau einer Mädchenschule in Gambia – ein Charity-Projekt ihrer Chefin Aimee – kommt sie ihren Wurzeln zwar näher, bleibt aber dennoch seltsam ankerlos.

Der Roman lebt von (starken) Frauen und deren Beziehungen zueinander. Auffällig ist der Eindruck von Isolation, die fehlende Innigkeit der Personen, die seltsam alleingelassen zu sein scheinen.
„Sie“, Tochter, Freundin und Assistentin entwickelt sich, in dem sie sich an Mutter, Chefin und Freundin abarbeitet, sie ablehnt und gleichzeitig bewundert, dabei selbst aber seltsam profillos bleibt. Damit findet die Namenlosigkeit ihr Entsprechung. Es scheint fast, als sei „sie“ lediglich eine Reflexionsfläche, durch die die schlechten und guten, schwachen und starken Charakterzüge der sie umgebenden Frauen nur noch stärker zutage treten. Diese Stimmigkeit ist nur eines der vielen überzeugenden Romandetails, zu denen unter anderem auch die die Beobachtungsgabe und sprachliche Gewandtheit der Autorin und der Übersetzerin Tanja Handels zählen.
„Swing Time“ ist ein Entwicklungsroman mit ungeradem Verlauf, mit Rückwärtsblicken und Zukunftsfragen – vor allem aber ohne Abschluss. Zwar endet er mit dem Tod, aber nicht mit dem der Protagonistin. Dabei werden anhand der Figuren Themen wie Diskriminierung, Gleichberechtigung, Intelligenz und Bildungsgier, Freundschaft, Mutterliebe, Kinderliebe, Pubertät, Entwicklungshilfe und Kunst behandelt. Natürlich geht es auch um Tanz, um Musicals – das ist es, was sie mit Tracey verbindet und niemals loslässt. Immer wieder finden sich Bezüge zu Tanzfilmen und Geschichten rund ums Tanzen.

In „Swing Time“ geht es um nicht weniger als um die Frage, ob der bloße Wille tatsächlich genügt, um sich aus prekären Verhältnissen zu befreien. Wie festgefahren sind die sozialen Schichten und kann Teilhabe an Bildung und Wohlstand wirklich umgesetzt werden? Wie auch schon in „London N.W.“ habe ich mich mit diesem Roman vollkommen auf einen Ort, Protagonistinnen und Stimmungen eingelassen, die auf den ersten Blick rein gar nicht mit meiner Lebenswirklichkeit zu tun haben. Musicals, Tanz und Rassismus sind nicht unbedingt der Stoff aus dem Romane, die ich lesen will, gemacht sind. Doch keine Sorge: Auch der an Tanz und Musicals desinteressierte Leser wird dies nicht als störend empfinden. Auf den ersten Blick ist der Plot nicht spannend, die Protagonistin nicht charismatisch, die Seiten zu viel. Aber dennoch entwickelt dieser Roman eine starke Faszination und ruft bei mir das Gefühl hervor, mir durch Inhalt, Sprache und Komposition gut zu tun. Das passiert mir trotz der Vielzahl der Neuerscheinungen nicht allzu häufig. Der Man Booker Prize wäre doch eine schöne Auszeichnung für „Swing Time“. Das Lesen lohnt sich. Sehr.

Der Satz, der bleibt:
„Was wollen wir als Kind von unserer Mutter? – Die völlige Unterwerfung.“

Welches Buch als Begleitung?
„Untenrum frei“ von Margarete Stokowski

Für wen?
Für all die Politiker, die sich Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Anti-Diskriminierung auf die Fahnen geschrieben haben. Und für jene, die das dringend tun sollten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.