Nachtbekanntschaften

Lauenstein_NachtsLauenstein, Mercedes: „Nachts“, Aufbau Verlag 2015

Ich schlafe nachts. Am liebsten mit Ohrstöpseln und mehr als acht Stunden. Nachtwanderungen kämen mir nicht in den Sinn und noch weniger, zur Nachtzeit an fremden Wohnungstüren zu klingeln. Auch nicht, um neue Bekanntschaften zu machen. Aber für derartige Aktionen gibt es ja die Literatur und Mercedes Lauensteins Debütroman „Nachts“.
„Nachts“ begibt sich eine namenlose und sehr junge Ich-Erzählerin auf Geschichtensuche. Sie klingelt an den Türen wildfremder Menschen um zu erfahren, womit sich diese zu nachtschlafender Zeit beschäftigen. Wenig überraschend trifft sie dabei auf eine Säuglingsmutter, auf den Rentner, der sich nach einem langen Arbeitsleben an die Freiheit des unregelmäßigen Tagesablaufs gewöhnt sowie auf den Geistesgestörten, der ihr dann doch ein wenig Angst macht. Und selbstverständlich darf auch der Mann, den sie erst zur Mittagszeit wieder verlässt, nicht fehlen.

Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen der Besucher, dem Wochentag und der Uhrzeit überschrieben und werden lediglich durch die Besucherin verknüpft, die sich mit der erfunden Forschungsarbeit über die Nacht und die Schlaflosen Eintritt verschafft. Die Geschichten laufen immer gleich ab: Sie klingelt, wird eingelassen und dann beginnen die Menschen zu erzählen. Dabei üben sie sich in Selbstkritik und sind sehr reflektiert. Über die Erzählerin erfährt man nicht viel, außer, dass sie – wenig überraschend – auf der Suche nach sich selbst ist und dies mit ihren Gastgebern gemeinsam hat.
Die Idee hinter diesem Buch ist charmant und die vielen Charaktere sind mit interessanten Lebensgeschichten ausgestattet. Zum Beispiel die promovierte Katy, die als Schulsekretärin arbeitet, um Zeit für das Reisen zu haben und jedem Ehrgeiz abgeschworen hat. Lieber pikst sie Stecknadeln in eine Weltkarte. Oder Johanna, die auf das Erwachen der Vögel am frühen Morgen wartet.
Doch leider kommt das Erzählen nicht in Fluss, da können die Menschen noch so viel sprechen. Durch die starke, dem Interviewcharakter der Gespräche geschuldete Mündlichkeit bleibt der Text spröde, die Sprache lapidar und wenig ansprechend. Poetisches wie ein „Wimpernkranz“ stehen der „scheiß Gang“, die dem Leser schon auf der ersten Seite begegnet, gegenüber.

Schade, immerhin hatte ich auf eine bemerkenswerte Neuentdeckung gehofft. Schließlich schreibt Autorin Mercedes Lauenstein für das jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung und ich erinnere mich noch gut an lange auf jetzt.de vertrödelte Vormittage in der Bibliothek, während der Abgabetermin der Magisterarbeit immer näher rückte. Aber natürlich schrieb Frau Lauenstein damals noch nicht für jetzt.de. Doch Nostalgie wirkt bei mir. Und ich gestehe hiermit, dass das schicke Cover und das Autorenfoto in Schwarz-Weiß dabei auch eine gewisse Rolle gespielt haben…

Der Satz, der bleibt:
„Die Tage gehen so schnell vorbei, das Leben kriegt man schon voll…“

Wo lesen:
In der S-Bahn.

Wem schenken:
Abiturienten oder Studenten im ersten Semester

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.