Mit Vorsicht zu genießen

Hein_WeiskernChristoph Hein: Weiskerns Nachlass, Suhrkamp 2011

Warnung! Geisteswissenschaftler, die sich kurz vor Studienabschluss, auf Jobsuche oder in einer ähnlich gearteten Lebenskrise befinden, sollten die – wenn auch unbedingt empfehlenswerte – Lektüre von „Weiskerns Nachlass“ besser auf später verschieben. Denn was prekär anfängt, kann auch prekär enden.

Frauenheld mit Restglanz

Bei Dr. Rüdiger Stolzenburg, 59, geschieden, eine Tochter, fing eigentlich alles ganz gut an. In der DDR hat er Germanistik studiert, dann promoviert und als Lektor in einem renommierten Leipziger Verlag gearbeitet. Ein wahr gewordener Germanistentraum. Doch mit der Wende war es auch mit der Karriere vorbei. Jetzt verdingt sich Stolzenburg als Dozent im Kulturwissenschaftlichen Institut der Uni Leipzig. Halbe Stelle, mehr ist nicht drin. Der Traum vom Akademischen Rat: Ausgeträumt. Mit Ende 50 und in Zeiten klammer Uni-Kassen kann er schließlich froh sein, überhaupt etwas zu verdienen.

Der einst brillante Hochschullehrer fühlt sich leer; das Uni-Dasein bietet lediglich Ermüdung und Enttäuschung. Nur noch als Frauenheld hat er sich ein wenig Restglanz bewahrt, doch auch da sind die Tage gezählt. Einzig seine privaten Forschungen zu Friedrich Wilhelm Weiskern, dem Librettisten Mozarts, lassen sein übersattes Herz noch schneller schlagen – und verwickeln Stolzenburg auch noch in einen Kriminalfall. Zu mehr ist der Weiskern leider auch nicht nutze; viel zu unbekannt, um einen Verleger zu begeistern. Was da noch bleibt? Kein Geld, kein Ruhm, die neue Angebetete gibt sich spröde und zu allem Überfluss wird er auch noch Opfer prügelnder Mädchen. Da sorgen die schier unbezahlbaren Forderungen des Finanzamts nur noch für vollkommene Ratlosigkeit und die unverrückbare Erkenntnis, dass Stolzenburg irgendwann ziemlich falsch abgebogen ist.

Ja, willst Du denn in Schönheit sterben?

Christoph Hein hat mit „Weiskerns Nachlass“ wieder einmal den Nerv der Zeit getroffen und die Lage des akademischen Mittelbaus schonungslos seziert. Mit Stolzenburg und seinem lässig-sorglosen Gegenpol, dem Steuerberaters Gaede, lässt Hein schon fast klischeehaft Geist und Geld aufeinander prallen. Nur Gut, dass Gaede nicht dumm und auch kein Unmensch ist. Doch seine Fassungslosigkeit angesichts des Dozenten-Einkommens tut fast schon körperlich weh und auch Stolzenburg fällt es sichtlich schwer, sich die hehren Ziele der Wissenschaft weiterhin schön zu reden. Die Altersarmut ist schließlich sicher.

Doch Christoph Hein wäre nicht Christoph Hein, wenn man nur den Gescheiterten bedauern müsste. Nein, letztendlich ist die ganze Welt zum Heulen! Und sei sie noch so effizient und tüchtig.

Herr Hein und ich

Mit schöner Regelmäßigkeit und Genuss lese ich die Bücher von Herrn Hein; sie begleiten mich aus dem elterlichen Bücherregal heraus schon einen Großteil meines Leserlebens. Denn trotz des ungeschönten Realismus sind Heins Werke nie langweilig. Auch hatte ich noch nie das Bedürfnis, Seiten zu überblättern – und das Bedürfnis habe ich leider zu oft. Christoph Heins Bücher leben von kantigen und starken Charakteren, die es sich und ihrer Umwelt zuweilen recht schwer machen. Letztlich legt er immer nur den Finger in die Wunde der jeweiligen Zeit.

Und so hinterlässt auch „Weiskerns Nachlass“ einen schalen Nachgeschmack; beim Thema Prekariat kann ich schließlich mitreden und den Blick aufs Rentenalter habe ich bislang tunlichst vermieden.

Trotzdem ist die Lektüre ein Genuss. Christoph Heins Sätze haben Tempo und er macht Worte zu Symptomen der Resignation; z.B. als Stolzenburg beginnt, die Seminare „abzureißen“. Und auch die rar gewordenen Redewendungen („Vor Tau und Tag“, „Wo Barthel den Most holt“), illustrieren für mich das geradezu tragisch Unzeitgemäße der Hauptfigur. Kein Zweifel: Christoph Hein schreibt Bücher für Erwachsene. Da ist kein Platz für Illusionen. So ist es wohl – das wahre Leben.

 

Ein Satz, der bleibt:

„Tja, dann werd ich mal“, sagt Stolzenburg und erhebt sich umständlich aus dem Sessel, „meine wissbegierigen Studenten warten. Und wir wollen sie ja gut ausgebildet in die Arbeitslosigkeit entlassen. Das ist ja unsere pädagogische Pflicht, nicht wahr?“

Wo lesen?

In der Uni-Bibliothek (lieber im Fachbereich Medizin oder Maschinenbau)

Wem schenken?

Dem „Dr.phil.“ in unbefristeter Festanstellung

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