Immer diese Beziehungen

Knecht, Doris: Alles über Beziehungen, Rowohlt 2017. / Ryan, Christopher/Jetha, Cacilda: Sex. Die wahre Geschichte, Klett-Cotta 2016.

Doris Knechts Roman „Alles über Beziehungen“ und Ryan/Jethás Sachbuch „Sex. Die wahre Geschichte“ – Das sind zwei Bücher, die laut Titel nichts weniger als die umfassende Wahrheit für sich beanspruchen. Na endlich! Buch gelesen, verstanden, fertig. Ach, wenn es doch so einfach wäre… Doch was ist die wahre Geschichte? Und wer weiß schon alles über Beziehungen? Doris Knecht  zumindest kennt sich ziemlich gut aus, wenn es um „moderne“ Beziehungen oder vielmehr um den modernen Großstädter und sein Beziehungsgeflecht geht. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie die Viktors Geschichte geschrieben. Eine Geschichte über einen Mann, der das Fremdgehen einfach nicht lassen kann und somit ziemlich viele Beziehungen pflegt. Viktor, Anfang 50, gehört zur intellektuellen Wiener Mittelschicht, ist vor kurzem Festival-Intendant geworden, Radfahrer, Vater von fünf Töchtern, geschieden, aber fest liiert mit Magdalena und – chronisch polyamor. Sein Psychiater diagnostiziert „Hypersexualität“ und lässt sich die wöchentliche Therapie gut bezahlen. Doch an Viktors Verhalten ändert sich dadurch natürlich nichts. Beichten und weitermachen, und dadurch endlich sichtbar werden. So sieht sein Leben aus. Doch auch Viktor weiß, dass er von seiner Lebensgefährtin und Mutter seiner Töchter für seine Krankheit wenig Mitgefühl erwarten kann. Seine größte Furcht ist das Auffliegen und das ist nicht gerade unwahrscheinlich, ist er doch ein stadtbekannter Angraber. Auch wenn er sich noch so sehr bemüht, nur verbandelte Frauen zu beglücken und Schweigepakte auszuhandeln – es ist ein Tanz auf Messers Schneide. Und es kommt, wie es kommen muss: Natürlich hält irgendwann eine Frau Viktors Krankheit für Liebe und schickt eine schnöde SMS an Magdalena, die doch gerade noch in Heiratsfantasien schwelgte.

Glaubt man nun allein dieser Inhaltsangabe, lässt sich eine recht durchschnittliche Geschichte über einen durchschnittlichen Intellektuellen mit Luxusproblemen erwarten. Da fragt sich der Leser doch: Muss ich wirklich wieder eine Geschichte über einen Mann lesen, der die Probleme mit sich und dem Altern durch ständigen Geschlechtsverkehr lösen will? Die schlichte Antwort ist JA. Denn diese Geschichte hat Doris Knecht geschrieben. Die österreichische Autorin kann eine solide Geschichte entwerfen, mit Spannungsbogen und glaubwürdigen Charakteren, würzt das Ganze dann psychologisch und rundet mit feinem Humor ab. Sie analysiert den Zeitgeist gescheit, ironisiert und schaut dem beziehungsgeplagten (Großstadt)Menschen in die Seele. Sie bringt das alles einfach einzigartig auf den Punkt.

Wenn auf der Verlagsseite die Rede vom „Knecht-Sound“ ist, trifft diese Bezeichnung sehr gut. Dieser besondere Ton besticht durch eine gute Dosis Wiener Schmäh – oder das, was der Nicht-Österreicher dafür hält. Die Sprache ist modern, schnoddrig, locker, leicht und ungewöhnlich (gut zu lesen). Der Text fließt dahin und schon auf den ersten Seiten wusste ich, dass ich immer weiterlesen, immer mehr davon haben will. Da ist es doch ein Glück, dass ich Doris Knecht erst jetzt entdeckt habe und gleich weiterlesen kann: „Wald“ von 2015, „Besser“ (2012), „Gruber geht“ (2011). Und die Kolumnen.

Zur Vor- oder Nachbereitung dieses Beziehungsgeflechtsromans eignet sich das spannende und humorvoll geschriebene Sachbuch mit dem knackigen Titel „Sex. Die wahre Geschichte“ aus dem Klett Cotta Verlag. Tatsächlich ergänzen sich beide Bücher über Beziehungen so fantastisch, dass man sie im Buchladen nebeneinander stellen sollte – ungeachtet aller Warengruppensystematiken. Christopher Ryan und Cacilda Jethá, Psychologe und Psychiaterin in Barcelona, haben zusammen mit dem 2016 erschienen Sachbuch DIE „Bibel der Polyamoristen“ verfasst; eine 400seitige Abhandlung über das Wesen der Polyamorie und die Unglaubwürdigkeit des monogamen Lebensstils. Die Hormone sind schuld, es sind die Gene, die menschliche Natur. Es ist so schlicht und doch immer wieder spannend. Das kann man nun glauben (wollen) oder nicht. Aber keine Sorge, „Sex. Die wahre Geschichte“ ist kein Aufruf zum Fremdgehen, sondern der wissenschaftlich fundierte und unterhaltsame Versuch, dem ganzen (sexuellen) Beziehungsgeflecht mit einem kühlerem Kopf zu begegnen. Ich habe Viktors Leidensgeschichte erst danach gelesen und mich immer wieder bei einem verständnisvollen Blick auf den armen Getriebenen erwischt.

Vielleicht sollte Viktor dieses Buch am Ende auch Magdalena ans Herz legen. Vielleicht könnte er damit die Beziehung verlässlicher retten als es seine reuevolle Liebes-Tätowierung je könnte. Er könnte auch sagen: „Egal, was die anderen sagen, lass uns zusammen bleiben!“ Wahrscheinlich wäre Magdalena gar nicht so abgeneigt.

Zwei (und mehr) Sätze:

„… den Psychiater zum ersten Mal aufsuchte und ihm schließlich die gewünschte Diagnose abrang, betrachtete sich Viktor ganz neu: Er war jetzt nicht mehr ein Hallodri. Es war eine Krankheit. Er konnte quasi nichts dafür. Es war ein Leiden. Und he, er litt.“ (Knecht)

„Sowohl die physischen Belege als auch Indizienbeweise legen nahe, dass die Menschen zu Urzeiten eher mit der Liebe als mit dem Krieg beschäftigt waren.“ (Ryan, Jethá)

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