Helsinki ist überall

TeirPhilip Teir: Winterkrieg”, Blessing Verlag 2014

Die Buchmesse 2014 ist Geschichte und Ehrengast Finnland bereitet sich daheim mit Korvapuusti und Karhu auf den langen, dunklen Winter vor. Da wird es wirklich Zeit, meine diesjährige Buchmessenentdeckung unter die Leser zu bringen.

Philip Teirs „Winterkrieg“ kann man nämlich auch und nicht nur im deutschen Winter sehr gut lesen. Glücklicherweise nahm die örtlichen Stadtbücherei die Buchmesse zum Anlass, dieses Buch an exponierter Stelle zu präsentieren – sicherlich wäre es mir sonst nicht begegnet. Ob es ohne den finnischen Ehrengast überhaupt in Deutschland erschienen wäre? Wie hätte dann wohl das Marketing ausgesehen? Hätte die Bibliothekarin „Winterkrieg“ überhaupt gekauft und so aufgestellt, dass man förmlich darüber stolpern musste? Vielleicht sollte ich mal nachfragen…

Fakt ist: Ich habe den finnischen Thriller zurückgelegt und stattdessen „Winterkrieg“ eingepackt. Mich haben das schöne Cover und der Titel angesprochen, mit dem ich als Absolvent des Kurses Finnish History den talvisota zwischen Finnland und der Sowjetunion verband. Ehrlich gesagt, hoffte ich auf einen spannenden historischen Roman mit ordentlich Lokalkolorit. Doch mit dem talvisota hat das Buch rein gar nichts zu tun. (Wenn man von einem klitzekleinen Restaurantgespräch absieht.) Also Finger weg, wer einen historischen Roman sucht.

„Winterkrieg“ ist stattdessen eine finnische Beziehungsgeschichte, die schon im ersten Abschnitt erstaunt und amüsiert (ohne Anlesen nehme ich kein Buch mit). Schließlich wird das Ende der Ehe mit dem toten Hamster der Enkelkinder eingeläutet. Der schwedischsprachige Finne Philip Teir, Jahrgang 1980, hat mit „Winterkrieg“ ein ausgesprochen reifes Buch über frische, mittelalte und in die Jahre gekommene Beziehungen geschrieben. Sicher, Paare in der Midlife-Crisis sind keine literarische Seltenheit. Doch ein finnisches Paar ist mir im Roman noch nicht begegnet. Dabei schätze ich Beziehungsromane sehr – keineswegs mit Liebesromanen zu verwechseln – und bilde mir jedes Mal ein, von der Lektüre etwas fürs Leben mitzunehmen. Schließlich ist jede Beziehung, jedes System dank seiner Mitspieler anders und nie dröge, selbst im Millionsten literarischen Aufguss. (Ob man nun Philip Teir, Philip Roth oder Lionel Shriver liest, macht ja schon einen riesigen Unterschied.) Ausschlaggebend hingegen ist immer das Vermögen des Autors, glaubwürdige Protagonisten zu schaffen. Und das ist Philip Teir hier definitiv gelungen.

Finnen, Schweden, Menschen

Max Paul und seine Frau Katriina leben in Helsinki, sind mehr als 30 Jahre verheiratet, haben zwei wohlgeratene und begabte Töchter, zwei Enkelkinder, eine präsentable Eigentums-wohnung und beruflichen Erfolg. Eigentlich scheint es für die Midlife-Crisis schon ein wenig zu spät. Doch Max, ein renommierter Soziologie, dem eine Studie zum finnischen Sexualverhalten den Beinamen „Sexprofessor“ einbrachte, fühlt sich nicht mehr wohl in seiner Haut und Ehe. Mit seinem Buch über Edvard Westermarck, dem finnischen Ethnologen und Ehe-Experten, geht es auch nicht recht voran. Da kommt seine ehemalige Studentin und Journalistin Laura gerade zur richtigen Zeit, um noch etwas Schwung in die alten Knochen zu bringen. Katriina ist aber noch nicht abgestumpft genug, um Max‘ Ausscheren einfach so zu akzeptieren. Sie will die Scheidung. Richtig gleichgültig sind die beiden einander aber keineswegs. Das birgt Konfliktpotential und erlaubt den Blick auf vielschichtige und damit spannende Charaktere.

Eine reife Leistung

Rund um Affäre und Ehe-Aus haben wir das Vergnügen, Max‘ und Katriinas Töchter Eva und Helen kennen zu lernen. Der Autor nimmt uns mit in eine ganz normale, gutsituierte Familie. Dass da nun ein Finnlandschwede (Max) eine vom russischen Adel abstammende Finnin (Katriina) geheiratet hat, tut wenig zur Sache, sorgt aber für Lokalkolorit. Es ist schön, Max und Helen auf ihren Spaziergängen durch die finnische Hauptstadt zu begleiten, die ebenso wie das ganze Land überschaubar ist. Das ist es auch, was mich an diesem Buch gefesselt hat: Da begleitet man eine Familie am nördlichen Ende der Welt durch eine turbulente Zeit, spaziert mit ihr durch Helsinki, besucht Bars und hat den Geschmack von Kardamom in Zimtschnecken auf der Zunge – und doch stellt man fest, dass all das genauso gut in der Nachbarschaft passieren könnte.

„Winterkrieg“ lebt von seinen starken Charakteren, die, egal welcher Generation sie auch angehören, von Teir einfühlsam und lebensnah gestaltet wurden. Hilfreich ist dabei der kapitelweise Wechsel der Erzählperspektive: Mal berichtet Max, mal Katriina, dann wieder die Töchter. Hier legt Teir eine besondere Reife an den Tag, mit der er auch seine nicht mehr jungen und vom Leben gezeichneten Protagonisten glaubhaft formt. Hängenbleiben skurrile Szenen, wie etwa der Besuch der erwachsenen Tochter Eva in der Mumin-Disco: Gute Stimmung kann schon ganz schön miese Laune machen. Auch Max` missglückter Betrugsversuch scheint zwar grotesk, aber nicht entwürdigend. Die Aufregung und Verzweiflung der Protagonisten werden nie dramatisch überhöht oder ins Lächerliche gezogen. Vielmehr fallen klare Worte und pragmatische Entscheidungen. Der große Paukenschlag bleibt aus, das ist realistisch und glaubhaft. Teir schreibt dabei amüsant, aber nie auf Kosten der Figuren; immer geht er liebevoll mit ihnen um.

„Winterkrieg“ ist ein freundlicher Roman, der gut unterhält und den Horizont gen Norden öffnet. Edvard Westermark war mir als Finnland-Liebhaber zum Beispiel gänzlich unbekannt. Und was der Titel bedeuten soll? Vielleicht bezieht er sich auf Max und Katriinas Wurzeln; Finnlandschwede auf der einen Seite, Finnin mit russischen Wurzeln auf der anderen. Die Ehekrise bricht im Winter aus. West gegen Ost. Alles Spekulation. Am Ende ist es auch nicht wichtig.

Der Satz, der bleibt: „Mir kommt es so vor, als hätte [vor den Kindern] eine andere Person mein Leben geführt.“

Wenn das Buch ein Getränk wäre, dann Kaffee mit Kardamom.

Wann lesen? Am besten abends.

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