Halbe Welt

Hermann_LiebeJudith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, S. Fischer Verlag 2014

„Sommerhaus, später“ steht seit Jahren in meinem Bücherregal, ist jedes Mal mit mir umgezogen und ziemlich zerlesen; schließlich musste es auch für meine erste Seminararbeit herhalten. Daneben steht selbstverständlich „Nichts als Gespenster“, der sehnlichst erwartete und von der Kritik nicht mehr ganz so begeistert aufgenommene „Zweitling“. Der gefiel mir ganz gut, und wurde zum Glück auch verfilmt. Davon blieben mir vor allem Brigitte Hobmeier und Stipe Erceg im Gedächtnis. Schöne Erinnerungen.

Auch in „Aller Liebe Anfang“, Hermanns erstem Roman, bleibt die Autorin ihrem ganz eigenen Stil treu. Viel passiert in ihren Texten ja nie. Atemberaubende Handlungen und echte Spannung sucht man vergebens. Diese Handlungsarmut lässt viel Raum für Stimmung und das ist eigentlich ganz schön. Doch so ganz ohne Geschichte geht es ja nun auch nicht. Und in „Aller Liebe Anfang“ gibt es sogar einen Plot mit Potenzial. Es könnte sogar spannend werden. Aber Hermann wäre nicht Hermann, wenn nicht die Spannung durch die Stimmung weg erzählt würde. Und so geht die Geschichte:

Gepflegte Langeweile

Stella, Mitte 30, Krankenschwester, Ehefrau und Mutter, wird von einem Stalker – Mister Pfister – belästigt. Täglich klingelt er an ihrer Tür, hinterlässt etwas im Briefkasten, weckt sie des Nachts und fragt sogar im Kindergarten nach Tochter Ava. Ehemann Jason ist als Handwerker auf Montage und das ganze Gegenteil des sonst so ätherischen Hermann-Personals. Auf 219 Seiten beschreibt Hermann dann Stellas Tagesablauf und damit all die Alltäglichkeiten, die eine berufstätige Mutter nun mal erlebt: Mit und ohne Mann, auf dem Weg zum Kindergarten, mit der fünfjährigen Tochter, mit den Patienten. Und dann sind da noch die Störungen des Mister Pfister.
Doch Stellas Welt scheint seltsam unvollständig: Die Beziehung ist eine Fernbeziehung, der Beruf nur ein Job, die Stalker-Furcht nicht wirklich furchtbar. Stella hat sich arrangiert und seit sie Familie hat, genießt sie sogar das Alleinsein. Früher wäre das undenkbar gewesen; darüber ist sie sich mit ihrer besten Freundin Clara einig. Diese Freundschaft wiederum stammt noch aus der kostbaren Vergangenheit und verknüpft „Aller Liebe Anfang“ mit den früheren Werken der Autorin. Da erinnert man sich wieder an die rauchenden, sitzenden, liegenden, lesenden, schreibenden Frauen, die sich die Zeit mit Warten zu vertreiben scheinen.
Doch im Roman sind die typischen Hermann-Charaktere erwachsen geworden. An Clara und Stella ist die Weiterentwicklung der Figuren abzulesen. Mit der Familiengründung haben sie einen Graben überwunden, sind dadurch greifbarer geworden. Jetzt haben sie Jobs und Familien, tun etwas für ihr Geld. Und auch wenn sie es wollten – eine Flucht ist nicht möglich. Selbst Rauchen tun nur noch die anderen: Zum Beispiel Mister Pfister, der Selbstgedrehte vor Stellas Haus raucht. In „Sommerhaus, später“ und „Nichts als Gespenster“ gehörte Rauchen noch zur Haupthandlung. So ändern sich die Zeiten.

Es darf ein bisschen mehr sein

Handlungsarmut und Überhöhung des Gewöhnlichen sind nach wie vor die Hauptzutaten des Hermann-Stils. Wie immer gelingt es ihr damit, dem Alltäglichen etwas Einzigartiges mitzugeben. Aufräumen, essen kochen, Rad fahren – all das ist Hermann eine Beschreibung wert. Lichtverhältnisse, Wege und Geräusche werden eindringlich beschrieben; sich ein Bild zu machen, fällt damit leicht. Doch alles scheint wie unter Wasser zu geschehen, irgendwie gedämpft und abgeschirmt.
Die Sätze sind lang, gespickt mit unzähligen Kommata; Fragen ohne Fragezeichen. Satzschlangen, Endlossätze, routiniert gesetzt wie ein für praktikabel befundener Tagesablauf. Auffällig sind lediglich die gewollt zeitgeistigen Namen der Protagonisten: Jason und Stella, Ava und Paloma. Warum nicht gleich Mia, Ben und Silas? Die stören mich und seltsamerweise auch den Textfluss. Hoffentlich ist hier Ironie im Spiel.
Leider hält sich die Langeweile in „Aller Liebe Anfang“ allzu hartnäckig. Handlungsarmut kämpft mit Langeweile, Langeweile gewinnt. Zu routiniert wirkt der Stimmungsaufbau, zu blutarm die Charaktere. Nichts, was den Leser in den Bann zieht, keine Figuren, die mitreißen könnten. Nicht einmal Mitgefühl kommt auf. Gelegenheiten gäbe es zwar viele, doch bleiben sie ungenutzt und vom Roman bleibt nicht viel hängen. Selbst die Dramatik des Stalkings wird keineswegs deutlich.
So warte ich geduldig auf das nächste Hermann-Buch, schließlich kann das ja wohl noch nicht alles gewesen sein. Ach, habe ich überhaupt schon „Alice“ gelesen? Ich kann mich gerade nicht erinnern…

Der Satz, der bleibt: Was genau ist beunruhigend an einem freien Menschen.

Wem schenken? Eingefleischten Judith-Hermann-Lesern

Wo lesen? In der U-Bahn. Man verpasst beim Umsteigen nicht den Anschluss.

Wenn dieses Buch eine Blume wäre, dann wäre es: Schleierkraut

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2 Gedanken zu „Halbe Welt&8220;

  1. Genau so ist Judith Hermann! Sie schuf die andere Ebene, die man gern auch im eigenen Alltag sehen wollte. Irgendwie romantisch. Aber Lust auf ihren Roman hatte ich nicht und diese Rezension hat Befürchtungen bestätigt, die ich selbst nicht in Worte fassen konnte. Danke dafür!

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