Grünes Blut

Mercè Rodoreda: „Der Garten überb_2014_rodoreda_4 dem Meer“, mareverlag 2014.

Vor kurzem ist Leonard Nimoy gestorben. Oder sollte ich besser sagen Mr. Spock? Denn weltweit wird er wohl als eben dieser Erste Offizier des Raumschiffs Enterprise in Erinnerung bleiben. Das faszinierende an Spock lag vor allem in seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit begründet. Dem nüchtern denkenden, vernunftgesteuerten Halbvulkanier lag die Gefühlswelt der Menschen fremd, doch ausgerechnet diese Eigenschaft machte ihn zu einem der beliebtesten Figuren, sogar über das Star-Trek-Universum hinaus. Spocks Neutralität erscheint wie buddhistische Gleichmut, wie eine absolute Gelassenheit, in der Emotionalität nicht möglich ist. Und gleichzeitig schwingt da immer auch diese Melancholie mit, die sich einstellt, wenn sich das Gefühlsleben immer auf Nulllinie bewegt, während rundherum gelacht und geweint wird. Nimoy, der übrigens auch Dichter war, setzte kurz vor seinem Tod einen Tweet ab, der mit der Einsicht eines alten Mannes diesen melancholischen Eindruck noch einmal verstärkt:„A life is a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory.“ („Ein Leben ist ein Garten: Perfekte Momente können erlebt, aber nicht bewahrt werden – außer in der Erinnerung.“)

In Flora festgehaltene Erinnerung ist ein beliebtes Thema in der Literatur. Auch die baskische Autorin Mercè Rodoreda schreibt darüber in „Der Garten über dem Meer“. Der Roman erschien 1967 – auf baskisch. Rodoreda, geboren 1908 in Barcelona, gilt als die bedeutendste Schriftstellerin dieser Sprache, hat aber den Großteil ihres Lebens im Exil, hauptsächlich in der Schweiz, verbracht. Erst in den 1970er Jahren kehrte sie nach Spanien zurück.

Sechs Sommer

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der mareverlag das Buch als wunderschöne leinengebundene Ausgabe erstmals in deutscher Sprache. Der Herausgeber Roger Willemsen versah es zusätzlich mit einem umfangreichen Nachwort. „Das ist mir lange nicht passiert: Ich blätterte die letzte Seite um und fing gleich mit der ersten wieder an“, schreibt der omnipräsente Intellektuelle auf dem Buchrücken. Was allerdings fast schon wie ein etwas abgedroschenes Kompliment klingt, trifft den Nagel auf den Kopf. „Der Garten über dem Meer“ übt auf den Leser eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Rodoreda zeichnet mit ihren Worten eine so dichte Atmosphäre aufs Papier, dass einem die Luft wegbleibt.

Die Handlung allein trägt dabei zunächst nur wenig bei. Aus der Perspektive eines alten Gärtners erzählt Rodoreda von sechs Sommern in den 1920er Jahren in einem Landhaus am Meer, das einem jungen Paar aus der gehobenen sozialen Schicht Barcelonas gehört. Während Rosamaria und Francesc die graue Hälfte des Jahres in der Stadt leben, verbringen sie die warmen Monate am Meer. Begleitet werden sie dabei von Freunden und Verwandten. Da wäre z. B. der Maler Feliu Roca, der immer nur das Meer in allen Facetten malt und dessen großes Ziel es ist, ein mal das Meer und nur das Meer zu malen, ohne Sand und Himmel. Oder Senyoreta Eulàlia, die im Verlauf dieser Sommer ihren Mann verlieren wird. Wie im Urlaub verbringen die Sommerfrischler ihre Tage beim Müßiggang, versuchen Wasserski, nehmen ein Sonnenbad im Garten und laden abends gelegentlich zu einem kleinen Fest ein. Alles verläuft gleichförmig, ohne Höhepunkte. Beobachtet werden sie dabei von der Dienerschaft, die sich gern ausgiebig über ihre Herrschaft austauscht. Quima, die Köchin, etwa hat zu allem eine Meinung, auch über die Kolleginnen. Ihr ist vor allem das brasilianische Dienstmädchen Miranda ein Dorn im Auge, da diese keine Gelegenheit auslässt, sich einen der höhergestellten Herren als Ehemann zu angeln. Aufgeweckt wird die Idylle von einem neuen Nachbarn. Denn mit Senyor Bellom entsteht nicht nur eine neue Villa nebenan. Er bringt auch einen Schwiegersohn mit, der die Hausherrin Senyoreta Rosamaria mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Nach und nach offenbart sich, dass die kleine Welt alles andere als heil ist.

Wer sich an dieser Stelle an „Der große Gatsby“ erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Gewisse Parallelen lassen sich nicht abstreiten. Doch bleiben die Figuren lange Zeit merkwürdig blass und konturenlos. Auch gibt es nach längerer Betrachtung kaum Verbindungen zwischen ihnen. Jeder bleibt für sich, ist unsichtbar abgetrennt von den anderen. Selbst die Eheleute leben nebeneinander.

Der Gärtner

Der Grund für diese Erzählweise liegt in der Natur des Menschen. Willemsen bezeichnet die Erzählmethode in seinem Nachwort sehr treffend als impressionistisch. Betrachtet man etwa ein pointilistisches Gemälde von nahem, sieht man nur einzelne Punkte. Was diese zusammensetzen, erkennt man erst mit etwas Abstand. So ist das oftmals auch mit dem Erinnerungsvermögen. Rodoreda nutzt diese Eigenheit. Ihr Erzähler, der alte Gärtner, berichtet in der Rückschau von den sechs Sommern, ihren handelnden Personen, einzelnen Episoden und Geschehnissen. Und erst am Ende ergibt alles einen Sinn.

Eingebettet sind die Erinnerungen in den alles umschließenden Garten. Er ist mit seinem Kreislauf von Gedeihen und Vergehen die einzige Konstante. Im seinem Zentrum lebt der Gärtner das ganze Jahr über in einem kleinen Gartenhaus. Mit Gelassenheit und Empathie begegnet er den Problemen der Anderen, verurteilt nicht, durchdenkt nur. Als Mittler zwischen den Welten ist er sowohl für die Bediensteten als auch für die Herrschaft ein wichtiger Gesprächspartner. Und schließlich ist da noch die Botanik, die er in allen Einzelheiten – aber nie langweilig (!) – beschreibt. Alles zusammen ergibt eine tief wehmütige und entrückte Stimmung, indie der Leser kopfüber eintaucht. Er hört das Rauschen des Meeres, er blinzelt sich durch den Wechsel von Licht und Schatten und das Bild ist permanent eingerahmt durch tiefes Grün. Und apropos grün, was würde wohl der grünblütige Vulkanier zu all dem sagen? Wahrscheinlich nur ein Wort: Faszinierend!

Ein Satz, der bleibt: Es war spät, und ein leichter Nieselregen fiel. Einer von diesen Regen zwischen Sommer und Herbst, wenn man das Gefühl hat, dass alles endet: fein, kaum mehr als ein Nebel.

Wem schenken: Kleingärtnern (zwar einfallslos, aber umso treffender)

Wäre dieses Buch ein Getränk, dann Limetteneistee

Wenn dieses Buch eine Fußballmannschaft wäre, dann der FC Barcelona

(Cover-Foto: mareverlag)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.