Grau mit farbigen Tupfen

Klüsendorf_AprilKlüssendorf, Angelika: „April“, KIWI 2014

Im Klappentext zu „April“ reihen sich Zitate von namhaften Literaturkritikern aneinander. Die Qualität des Buches bezweifeln sie nicht, aber wie unterschiedlich sie es doch lesen!
So schreibt Elmar Krekeler in der Welt: “ ,April‘ ist ein wehes, ein schreckliches und schönes Buch.“ Und in der Süddeutschen Zeitung stellt Gustav Seibt fest: „Aprils Staunen und ihre Beobachtungsgabe werden zu einem großen Spaß für den Leser.“
Krekeler empfindet „April“ als schrecklich schönes Buch und Gustav Seibt hat beim Lesen sogar „großen“ Spaß. Ein schreckliches Buch, das Spaß macht also. Nun, Spaß ist wirklich kein Begriff, der mir in Bezug auf „April“ in den Sinn kommt.
Spaß verbinde ich mit Leichtigkeit, mit Sommerlektüre. Doch mit „April“ hat Angelika Klüssendorf keineswegs Sommerlektüre verfasst. Wie passend, dass das Buch im Februar des Jahres 2014 erschienen ist. Ja, „April“ ist ein regelrechter Februarroman, den man natürlich auch im Sommer lesen sollte. Aber am Strand erschiene er dennoch deplatziert.
Angelika Klüssendorf wurde einer breiteren Leserschaft mit „Das Mädchen“ bekannt. „April“ knüpft daran an; die Texte können als zwei Teile eines Entwicklungsromans gelesen werden. Beide Werken ergänzen sich gut, sind aber auch getrennt voneinander vollkommen. Wer „Das Mädchen“ gelesen hat, erkennt es in April wieder.

Abwarten und Schnaps trinken

April – diesen Namen hat sich das Mädchen selbst gegeben – zieht nach Jahren im Heim ins Leipzig der späten Siebziger. Und hier wird es wieder deutlich: Die DDR taugt einfach nicht als Gute-Laune-Kulisse. Grau ist das Leben und öde der Alltag, öde die Arbeit. April trinkt aus Langeweile und jene Langeweile droht sie umzubringen. Ein halbherziger Selbstmordversuch bringt endlich Veränderung, die darauf folgende Zeit in der Psychiatrie und die Arbeit im Museum muntern sie geradezu auf. Bücher, Gedichte, Gedanken – all das erhellt immer mehr ihren Alltag. Denn April ist zwar ein „Gossenkind“, aber trotzdem ein feingeistiger, kritischer Beobachter. Die Dinge lässt sie mit einer eigenartigen Überlegenheit geschehen, lässt auch Männer kommen und gehen. Ihre Rebellion geschieht im Verborgenen und ihre Stärke besteht darin, sich von nichts und niemandem vereinnahmen zu lassen. Sie sitzt die Dinge eher aus und bastelt sich einen Panzer aus Phlegma. Dabei bleibt sie sich bei allen Selbstzweifeln treu und vermag es, ihre schriftstellerischen Talente zu fördern und sich mit deren Hilfe klammheimlich zu emanzipieren. Geradezu unmerklich schlägt sie ihren eigenen, künstlerischen Weg ein.

Vorangehen

April ist ein „Entwicklungsroman“, der die Heldin auf dem Weg zum Erwachsenwerden begleitet. Der Text klart gegen Ende auf und in das vorherrschende Grau mischen sich Farbtupfer. Aber bis es soweit ist, begleitet der Leser April durch eine graue, zähe Zeit. Das ist nichts Schlimmes, ganz im Gegenteil. Klüssendorfs Erzählweise ist deshalb so beachtlich, weil es ihr mit karger Sprache gelingt, eine triste Stimmung heraufzubeschwören und die Figuren (und zwar alle) wenig anziehend sein zu lassen. Und trotzdem setzte ich mich dieser Situation gern aus, folgte der realistischen Erzählweise, stieß mich an den Kanten der Figuren und verlor die Hoffnung auf eine gute Zukunft für April. Aber niemals kam mir in den Sinn, dieses Buch seufzend zur Seite zu legen. Klüssendorfs Sätze sind knapp, aus Sicht eines außenstehenden, allwissenden Erzählers geschrieben: Jeder an seinem Platz, keiner ragt heraus, keiner steht zurück, keiner sollte fehlen. Auf knappen 220 Seiten entwirft die Autorin ein Szenario mit Anfang und Ende. Sie schreibt eine Entwicklungsgeschichte, die man noch lange mit sich herumträgt und deren Ton und Farbe präsent bleiben. Ich empfehle, sich sehr bewußt für dieses Buch zu entscheiden. Ein „Probier‘ ich mal“ kann diesem Text nicht gerecht werden. „April“ fordert den Leser – und belohnt ihn mit einem geradezu einschneidenen Leseerlebnis.

Der Satz, der bleibt

(April über ihr Verhätnis zum Sohn)
Die Verletzungen, die sie ihm so beiläufig, fast unbeabsichtigt zufügt, werden wie eigenständige Organe in ihm wachsen.

Wann lesen?

Am besten mit Abstand zu „Das Mädchen“ und den Texten von Daniela Krien. Gefahr von Überdosis DDR-Grau.

Wenn dieses Buch eine Pflanze wäre, dann wäre es …

eine Chrysantheme „Nebelrose“

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