Geliebte Spionin

HonigIan McEwan: „Honig“, Diogenes Verlag 2013

„Sex, Spionage, Fiktion und die Siebziger“, darum geht es laut Klappentext in „Honig“. Der Kalte Krieg hat in der Literatur also noch lange nicht ausgedient und versorgt uns weiterhin verlässlich mit Intrigen und undurchsichtigen Akteuren. Und kein Ende in Sicht.

Serena, Serena, Serena

Ich muss es vorweg einfach sagen – „Honig“ hat mich schlichtweg begeistert. Ich steh‘ einfach auf Spioninnen und dieser handliche Roman bietet noch viel mehr als Sex und Spionage. Vor allem schafft er mit Serena Frome eine Hauptfigur, die sich entwickelt und dabei lebendig und sehr natürlich ist. Leider trifft man auf so ein einnehmendes Wesen nur sehr selten. Serena, Bischofstocher, Cambridge-Absolventin, ist jung, schön und witzig. Sie liest zwar wie eine Besessene, verzichtet aber auf Drängen ihrer Mutter auf das sehnlichst erträumte Anglistikstudium und lernt was „Ordentliches“, nämlich die höhere Mathematik. Wie schlau, Ms Frome! Angeödet und überfordert vom Mathe-Studium verschlingt sie weiterhin ziemlich wahllos Bücher und wird mit ihren unkonventionellen Buchbesprechungen in einer Studentenzeitung bald eine lokale Berühmtheit.

Und weil sie so unglaublich attraktiv ist, bleiben natürlich auch die Liebhaber nicht aus. Einer von ihnen, ein alternder Geschichtsprofessor, spielt ein bisschen Henry Higgins und besorgt ihr einen Job beim MI5. Auch wenn diese Liebe tragisch endet, bereitet sie doch den Weg für Serenas größtes Abenteuer: In diesem Käfig voller Machos steigt sie aus dem Aktenkeller empor und bekommt mit „Operation Honig“ eine eigene Mission. Eben weil sie so gern liest, dass es sich bis in die Chefetagen herumgesprochen hat. Serena, seit der Solschenizyn-Lektüre glühende Antikommunistin, wird auf den talentierten Jungschriftsteller Tom Haley angesetzt und soll den Antikommunismus auch in der literarischen Welt verankern.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Und es kommt, wie es kommen muss: Die beiden verlieben sich leidenschaftlich ineinander und all das könnte einfach nur banal sein, wenn es McEwan nicht so meisterlich gelänge, die Beziehung wachsen zu lassen – und ihr ein in jeder Hinsicht überraschendes Ende zu bescheren. Dabei lässt McEwan nichts aus, weder die ernüchternde erste Liebesnacht noch die seitenfüllende Nacherzählung von Haleys Kurzgeschichten und Romanversuchen; ab und an zitiert er sogar ganze Passagen. Diese Praxis könnte für den rasch ermüdenden Leser – zu denen ich mich eigentlich zähle – langweilig sein, ist es aber nicht. Denn dank seiner Texte macht Serena sich schließlich ein Bild von Haley, das sie nach und nach mit seinem wahren Wesen abgleicht. Die vielen Verweise auf Literatur und deren Lesart dienen schließlich der meisterhaften Entwicklung der Charaktere und sind alles andere als überflüssig. Während Haley als ambitionierter Autor Literatur als Kunstform und Experimentier-Labor bewundert, will Serena unterhalten und berührt werden. Literarische Kniffe sind ihr suspekt und brechen ihrer Meinung nach den Vertrag zwischen Leser und Autor, der auf „gegenseitigem Vertrauen“ fußt. Niemand darf einfach so verschwinden oder vorgeben, jemand zu sein, der er nicht ist.

Da kommt noch was

Mit vielen Andeutungen und ausufernden Unterhaltungen bereitet McEwan so geschickt das Romanende vor, dass der Leser nicht vor Ende der Geschichte den Doppelbödigkeiten auf die Schliche kommt. Das ist wunderbar und absolut kein Vertrauensbruch in Serenas Sinne. So sei auch dem „Honig“-Leser das Vertrauen in den Autor wärmstens empfohlen. Man kann sich getrost fallen lassen und den Geschichten in der Geschichte mit Vergnügen folgen. So geht schließlich Erzählen und am Ende gibt es noch ein Aha-Erlebnis oben drauf. „Honig“ ist dabei besonders interessant für Leser, die sich und ihre Lesegewohnheiten einmal gründlich unter die Lupe nehmen wollen. Indem man Serena und Tom beim Lesen und davon erzählen beobachtet, lernt man schließlich auch eine Menge über die eigene Lesart und das kann sehr erhellend sein. Ich empfehle die Lektüre von „Honig“ also ohne Einschränkungen. Bloß nicht vom Cover abschrecken lassen!

Wem schenken?

Jedem der gerne liest und sich auch mal über sein Leseverhalten Gedanken machen möchte.

Wenn dieses Buch ein Getränk wäre,

wäre es ein Glas Martini, was sonst?

Wo lesen?

Am besten ungestört. Der Ort wird beim Lesen gleichgültig.

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