Es müsste immer Soul da sein

485-219Michael Chabon: „Telegraph Avenue“, Kiepenheuer und Witsch 2014 (Original 2012)

In fast allen meinen bisherigen Rezensionen dreht es sich um Bücher, die irgendwie mit Musik zu tun haben. Das war so nicht beabsichtigt. Ich bin zugegebenermaßen schon etwas überrascht, dass meine Begeisterung für Musik sich tatsächlich auch in der Wahl meiner Bücher niederschlägt. Aber eigentlich sollte mich das nicht wundern, denn insgeheim sehe ich es genauso wie Floyd aus dem Film „Absolute Giganten“: „Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn’s so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“

Kein High Fidelity!

Im Roman, den ich hier besprechen will, geht es um einen Plattenladen, in dem immer die gleichen Typen rumhängen, deren Besitzer in allerlei private Probleme verstrickt sind und die bei allem Drunter und Drüber die Liebe zur Musik pflegen. Und nein, es geht nicht um „High Fidelity 2“, auch wenn sich natürlich bei jedem Roman über einen Plattenladen der Vergleich zu Nick Hornbys Meisterwerk aufdrängt. Doch während der Brite einen Slackertypen in der Midlife Crisis zum Helden gemacht hat, der vor allem an Selbstmitleid und dem schlechten Musikgeschmack der anderen leidet, ist der Grundkonflikt diesmal ein anderer. Denn der Shop von Archie Stallings und Nat Jaffe in Oaklands „Telegraph Avenue“ – so auch der Titel des im vergangenen Jahr auf deutsch erschienenen Roman von Michael Chabon – steht vor dem Aus. Bezeichnenderweise heißt er Brokeland Records. Der Laden läuft mehr schlecht als recht dank einer überschaubaren, aber treuen Kundschaft. Ein in der Nachbarschaft geplantes Einkaufszentrum würde er nicht überleben.

Die drohende Schließung gefährdet auch die Freundschaft der beiden Inhaber, zumal sie ihre Nerven eher brauchen, um ihr Privatleben in den Griff zu kriegen. Archies Frau Gwen beispielsweise ist hochschwanger. Sie arbeitet zusammen mit Nats Frau Aviva als Hebamme. Beide kämpfen tagtäglich um Anerkennung, gegen arrogante Ärzte und darum, ihren Beruf frei ausüben zu können, denn Hebammen haben in den USA keinen leichten Stand. Gleichzeitig muss sich Gwen allerdings auch mit ihrem untreuen Ehemann herumschlagen und sich entscheiden, ob sie gemeinsam mit ihm und dem Kind eine Familie gründen kann. Ausgerechnet in dieser sensiblen Situation stellt sich der neue beste Freund – und Geliebte – von Nats Teenager-Sohn Julius als Archies Erstgeborener heraus. Der Gelegenheitsbassist wusste zwar von dessen Existenz, doch dass ihn die Vergangenheit auf diese Art und Weise einholen würde, hatte er nicht geahnt, und muss sich nun mit der neuen Rolle und der wütenden Ehefrau arrangieren.

Ähnlich chaotisch geht es im Leben von Archies Vater Luther zu. In den 70er Jahren für kurze Zeit als Filmstar gefeiert, versucht er nun ein Comeback und muss sich gleichzeitig mit Typen aus der Unterwelt herumschlagen, mit denen er eine gemeinsame Geschichte teilt.

Vogelperspektive

Die kurze Inhaltsangabe – und das sind bei weitem nicht alle Handlungsstränge – zeigt schon, wie turbulent es auf den fast 600 Seiten zugeht. Doch wer sich an eine Soap Opera erinnert fühlt, liegt daneben. Michael Chabon gelingt es, mit dem Roman um Brokeland Records ein Sozialpanorama zu entwerfen. Anders als etwa bei Jonathan Franzen, wo eher die weiße Mittelschicht im Zentrum steht, prallen hier Gesellschaftsschichten und Menschen verschiedener Herkunft aufeinander. Der schwarze Golfkriegsveteran Archie und der weiße Jude Nat betreiben gemeinsam, im Zeitalter des wachsenden Online-Handels (die Handlung spielt im Jahr 2004) ein altmodisches Geschäft, in dem es ausschießlich Jazz-, Funk- und Soul-Platten zu kaufen gibt – und das auch noch in einer Straße, die sinnbildlich stehen könnte für soziale und ethnische Vielfalt.

Denn die sieben Kilometer lange Telegraph Avenue verbindet die historische Innenstadt von Oakland mit dem Campus der berühmten University of California in Berkeley. Neben ganz normalen Einwohnern leben hier Studenten, Hipster, (Lebens)künstler und Obdachlose dicht nebeneinander. Touristen spazieren durch die Straße und füllen die vielen Lokale und kleinen Läden. Eine Menge Stoff für Geschichten also. Chabon drückt etwa in der Mitte des Romans diese Fülle in einem Satz aus – einem Satz über 15 Seiten. An diesem heimlichen Höhepunkt des Romans fliegt der Leser mit einem in die Freiheit entlassenen Papagei über die Stadt und beobachtet die Szenerie aus der Perspektive eines „Vogels von großer Erfahrung“. Und genauso wie der Vogel über den Geschichte(n) fliegt, pulst sich der Soul durch das Papier. Die Musik ist immer da, wird zum Lebenselixier, gibt Hoffnung und Erlösung. (Wer sich für die einzelnen Titel interessiert, die in „Telegraph Avenue“ Erwähnung finden, der wird auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite zum Roman fündig.

Things have changed“

Ein Star der (amerikanischen) Literaturszene ist Michael Chabon schon vor dem Erscheinen von „Telegraph Avenue“ gewesen. Nach seinem Debut „Die Geheimnisse von Pittsburgh“ als Wunderkind gefeiert und dem Rückschlag durch ein gescheitertes Romanprojekt, hat er sich spätestens seit dem Pulitzer Preis für „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ in die erste Liga der amerikanischen Gegenwartsautoren geschrieben. Ihm gelingt es immer wieder, auf engem Raum seltsame Charaktere eine Menge verrückte Dinge tun zu lassen und dabei scheinbar leichtfüßig – aber doch bis ins letzte auskomponiert – (Pop)kultur und Gesellschaft zusammenzubringen. Mit „Telegraph Avenue“ hat er es nun auch erstmals geschafft, politisch zu werden und auf unterhaltsame Weise ernste sozialkritische Töne anzuschlagen. Dies sollte seinem Werk noch mehr Relevanz verleihen. Wie lautet der Titel des Bob-Dylan-Songs zum Film „The Wonder Boys“, für den Michael Chabon die Romanvorlage lieferte noch gleich? „Things have changed“.

Ein Satz, der bleibt: „Käse und Musik fechten untereinander aus, wer die Kontrolle über das menschliche Nervensystem bekommt.“

Wem schenken: Hebammen

Wenn dieses Buch eine Fernsehserie wäre, dann: „Treme“

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