Emma antwortet nicht

simJonathan Coe: „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“, Deutsche Verlags-Anstalt 2010

Vor einiger Zeit lief der Film „Her“ in den Kinos. Ein Mann mittleren Alters, von Beruf professioneller Briefeschreiber, verliebt sich in das Betriebssystem, das all seine technischen Geräte und bald auch sein Leben verwaltet. Samantha – so der Name des Systems – taucht zwar nicht körperlich auf, Sex Appeal bleibt trotzdem nicht aus, denn Scarlett Johansson leiht Samantha ihre Stimme. Sie entwickelt eine eigene Persönlichkeit und verwickelt sich mit seinem Besitzer in eine buchstäbliche Amour fou. Regisseur und Autor Spike Jonze sucht mit diesem stillen Meisterwerk Antworten auf elementare Fragen in der hochtechnisierten Gesellschaft: Was verbindet Menschen? Verändert sich die Liebe in Zeiten des W-Lans? Warum gibt es Einsamkeit in einer Gesellschaft, die vor Kommunikationsmitteln nur so strotzt? Der Film hat mich länger beschäftigt als nur während des Wegs vom Kino nach Hause. Im Vorfeld hatte ich befürchtet, dass das Thema – Mann verliebt sich in (Computer)Stimme – zu absurd erscheinen könnte. Doch das erstaunlichste ist, dass das Paar bereits nach kurzer Zeit völlig normal erscheint.

Mit der Zahnbürste ans Ende der Welt

Ich habe kürzlich einen Roman gelesen, in dem sich auch ein Mann in seinen Vierzigern in einer persönlichen Krise neu orientieren muss. Auch hier geht es um Einsamkeit und Beziehungen – wenn auch in der Gegenwart. Und auch hier wird eine Computerstimme zum wichtigen „Gesprächspartner“. Der Autor Jonathan Coe hat zwar zugegebenermaßen die Beziehung zwischen Navigationsgerät und Fahrer nicht in den Vordergrund seines Romans „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“ gestellt. Doch habe ich mich an dieser Stelle von diesem Buch innerlich verabschiedet.

Maxwell Sim ist 48, von Frau, Tochter und Facebook-Freunden verlassen und so gut wie arbeitslos. Die Mutter ist tot, der Vater lebt weit weg in Australien, nimmt aber trotzdem eine große Rolle in Maxwells Innenleben ein. Ein neuer Job soll Ablenkung bringen. Als Marketing-Aktion für einen Zahnbürstenhersteller nimmt der Held der Geschichte an einem Rennen über die britischen Inseln teil. Mehrere Teilnehmer fahren vom Firmensitz aus zu unterschiedlichen Orten Großbritanniens, um bis in die entlegensten Winkel des Landes die Kunde von der neuartigen Bürste zu bringen. Worin der Sinn des öffentlichkeitswirksamen Wettbewerbs liegt, wenn die Teilnehmer komplett unterschiedliche Distanzen zurücklegen sollen, hat sich mir nicht erschlossen. Maxwell Sim jedenfalls muss auf die Shetland Inseln, also mitten in die Einöde. Und natürlich wird die Reise eher zu einem Trip auf seine innere Insel. Unterwegs reflektiert er seine Lebenssituation und versucht zu ergründen, an welchen Punkten in seinem Leben Dinge schief gelaufen sind. Auf seiner Reise trifft er Personen aus seiner Vergangenheit, u.a. im Ort seiner Jugend. Und auch eine kurz zuvor gemachte Bekanntschaft mit einer jungen Dame, die an den verschiedenen Flughäfen der Welt Lautsprecherdurchsagen aufnimmt, um Ehebrechern damit ein lupenreines Alibi zu verschaffen, hängt ihm nach.

Kurios alleine reicht nicht

Zugegeben, diese Idee hat Charme. Doch der überwiegende Teil der Episoden, die dem Protagonisten widerfahren, sind eher unglaubwürdig und uninspiriert. „Personifiziert“ wird die Einfallslosigkeit durch Emma. So tauft Maxwell Sim sein Navigationsgerät, das ihm tapfer die Richtung vorgibt – mehr aber auch nicht. Vor lauter Einsamkeit beginnt Maxwell, sich mit der Stimme seines Navis zu unterhalten. Ich bin ein großer Freund von Selbstgesprächen, aber diese banale Idee trägt nur dazu bei, die Hauptfigur in ihrer Glaubwürdigkeit komplett zu diskreditieren. Maxwell deutet an, sich in die Automatenstimme zu verlieben, erwartet Antworten – und zwar nicht nur wenn er betrunken fährt. Dem Roman hätte ein Navigationsgerät sicher gut getan, aber nicht in dieser Form. Auch die in unterschiedlichen Textformen (Kurzgeschichte, Brief) eingeworfenen Episoden aus seiner Vergangenheit tragen wenig dazu bei, die Geschichte sympathischer zu finden. Einzig der Schluss – den ich zwar hier verraten könnte, da ich sowieso niemanden empfehle, das Buch zu lesen, es aber aus Rücksicht dann doch nicht mache – ist durch seine Meta-Ebene sehr clever konstruiert und zeigt, dass der Autor kein schlechter ist, sich hier aber völlig vertan hat. Passend dazu stellt der Verlag dem Roman eine der stumpfsinnigsten Begleitzeilen aller Zeiten zur Seite: „Ein amüsanter Schelmenroman über unsere Zeit“.

Road-Novels, die durch äußerliche Bewegung eine innere Bewegtheit – sowohl beim Protagonisten als auch beim Leser – erzeugen, erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit. Die Bestsellerlisten sprechen Bände. Und auch ich lese ab und an solche Bücher durchaus gern, denn einerseits reist man in Gedanken mit, erfährt vielleicht etwas über die Route und verspricht sich ein fließendes Geschehen. Alles das kann „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“ jedoch nicht bieten. Die Handlung schleppt sich mühsam voran, enthüllende Einwürfe bringen sie eher noch ins Stocken, die Figuren entbehren jeglicher Glaubwürdigkeit und es werden Geheimnisse gelüftet, von deren Existenz der Leser nichts ahnt und eigentlich auch nichts wissen will. Kuriose Ideen ohne tieferen Sinn aneinanderzureihen, bedeutet eben nicht gleich Kreativität. Anders als im oben genannten Film, in dem das absurde Szenario als Spiegel der Realtiät funktioniert. Fragen, die „unserer Zeit“ beschäftigen, verhandelt der Roman nicht. Die bloße Erwähnung von Facebook soll den Aktualitätsbezug komplett abdecken. Ach ja und dann ist da ja noch das Navigationsgerät… Dann doch lieber Scarlett Johansson, sogar unsichtbar.

Ein Satz der bleibt: „Folgen Sie dem Straßenverlauf für circa fünf Kilometer.“

Wenn dieses Buch im Supermarkt liegen würde, dann in der Kühltheke als Käseaufschnitt (sieben Scheiben Tilsiter, zwei Scheiben Edamer, eine Scheibe Emmentaler)

Wenn dieses Buch eine Band wäre, dann die Black Eyed Peas

Wenn dieses Buch ein Kleidungsstück wäre, dann eine Beanie

PS: Immerhin verdanke ich dem Buch den Hinweis auf die dramatische Geschichte des Donald Crowhurst.

 

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