Ein bisschen grau

murakamiHaruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Dumont 2014

M-U-R-A-K-A-M-I. Der Name ist in aller Munde und vom Bibliothekar bis zum Feuilletonredakteur sind sich alle einig: „Wer Murakami nicht liest, verpasst etwas.“  Da versuch‘ ich mich doch auch mal am „Rekordbestseller“ (Dumont Verlag). Vielleicht klappt’s ja doch noch mit Herrn Murakami und mir. Schließlich habe ich mich ja nach mehreren missglückten Versuchen auch einigermaßen mit der „Gefährlichen Geliebten“ angefreundet. Das Cover ist ja schon einmal sehr, sehr viel versprechend.

Wie unlustig, Herr Tazaki!

Die ersten Sätze machen Lust auf’s Weiterlesen und ich bin ehrlich gesagt beruhigt. Doch echte Begeisterung kommt noch nicht auf.

Die Hauptfigur, Tsukuru Tazaki, 36, lebt als Single in Tokio, ist kinder- und auch ein bißchen freudlos. Er entwirft Bahnhöfe, geht gern schwimmen und hat eine vielversprechende Affäre mit Sara. Die zwei gehen ab und an zusammen Essen und danach ins Bett. Sie trinkt vielleicht ein bisschen viel, nimmt immer ein Dessert und bleibt dabei unheimlich schön und erfolgreich. Und eigentlich wäre ja alles ganz gut, wenn Herr Tazaki nicht ein Trauma mit sich herumtragen würde: Vor zwölf Jahren haben ihm seine vier „farbigen“ Schulfreunde -(denn außer ihm tragen alle eine Farbe im Namen) die Freundschaft gekündigt. Einfach so, ohne Nennung von Gründen. Irgendwas war vorgefallen und er flog raus aus der eingeschworen Gemeinschaft. Und damit kam seinem Leben der Sinn abhanden. Und zum Selbstmord fehlte nur der Antrieb. Mit den Jahren hat er sich zwar mit dem Leben ohne die Freunde arrangiert, doch aus dem Kopf bekommt er sie noch immer nicht. Und so ist es Sara, die die Zügel in die Hand nimmt und die alte Geschichte wieder ausgräbt. Denn ganz ohne Bedingungen gibt sie sich ihm nicht hin, erst muss er sich mal reparieren. Tazaki begibt sich also auf eine Reise in die Vergangenheit und nach Finnland.

Die großen Themen des Romans sind Freundschaft, Einsamkeit, Eifersucht und irgendwie auch die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Und diese universellen Erfahrungen verursachen ja oft das größte Herzeleid. Das hat wohl jeder schon erlebt und vermutlich liegt darin auch Murakamis großer Erfolg begründet.

Die Geschichte erzählt Murakami zwar äußerst nüchtern, verzichtet dabei aber nicht auf fantastische Elemente. Das ist eine interessante Kombination. Doch leider überzeugt mich das nicht vollends, denn die schablonenhafte Figurencharakteristik ärgert mich zu sehr. Nicht nur Tazaki, nein, alle Figuren sind seltsam farblos: Sara, die vier Freunde, aber auch sein Physiker-Freund Haida, der dann einfach so aus Tazakis Leben verschwindet. Und hier liegt auch ein weiteres Manko des Romans: Warum verschwindet Haida einfach so? Was hat es mit Tazakis Traum und Haidas Gruselgeschichte auf sich? Was soll der Mordfall, Saras Affäre? Für mich enthält dieser Roman einfach zu viele lose Fäden, die nirgends zusammenlaufen.

Abhaken. Weiterlesen.

Trotz allem habe ich das Buch zu Ende gelesen. Schließlich kommt Tazaki dem Rätsel nach all den Jahren endlich auf die Spur und diese Spurensuche war es auch, die mich letztendlich bei der Stange gehalten hat. Zum Schluss habe ich mich ziemlich gequält, denn ab Seite 305 muss der Leser eine ziemlich dröge Wiederholung des Geschehens über sich ergehen lassen. Aber gut, der Plot ist schließlich spannend und wenn ich schon angefangen habe, möchte ich auch des Rätsels Lösung kennen! Und die hat mich dann auch nicht vom Hocker gehauen.

Was soll ich also sagen? Das wird nichts mehr mit Murakami und mir.  Vielleicht fühle ich mich von disziplinierten, Klassik liebenden Ingenieuren einfach nicht angesprochen. Zu glatt, zu kultiviert, zu nüchtern. Diese Geschichten mit den doppelten Böden und den seltsam leeren Charakteren berühren mich einfach nicht. Das ist zwar schade, aber zum Glück nicht das Ende des Lesens. Und wenn er den Nobelpreis gewinnt, kann ich wenigstens mitreden.

 

Der Satz, der bleibt:

„Menschen, denen man die Freiheit nimmt, hassen immer jemanden dafür.“

Wem schenken?

Egal, ist doch ein Bestseller.

Wo lesen?

Im Cafe, während man auf eine Verabredung wartet, die sich hoffentlich nur verspätet hat.

Wäre das Buch ein Getränk,

dann wäre es  ein schales Bier bei großer Hitze.

 

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