Die Summe der einzelnen Teile II

Tom Rachman: Die 574_img1Unperfekten, dtv 2013 (Original: The Imperfectionists 2010)
Tom Rachman beschreibt in seinem Debütroman den Niedergang einer englischsprachigen Tageszeitung, die in Rom erscheint. Er bedient sich dabei ebenfalls der kleinteiligen Struktur des Episodenromans, weshalb ich ihn – wie an anderer Stelle erwähnt – mit Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ besprechen möchte.
Das Buch des gebürtigen Briten besteht aus zwei Bereichen: In elf Short Storys zeichnet er das Bild des Personals nach, das für die Tageszeitung arbeitet bzw. mit ihr in Verbindung steht. Zusammengehalten werden diese Portraits durch eine Chronik des Blattes, von der Gründung in den 1950er Jahren bis zur Schließung der Redaktion 2007, die in kurzen Episoden (ausschnitthaft) wiedergegeben wird. Das Ensemble ist breit gefächert und erinnert etwas an Figuren aus einem Woody-Allen Film.

Den Anfang macht der abgehalfterte Auslandskorrespondent Lloyd, dessen große Zeiten vorbei sind. Der Wahlpariser ist von der Zeit abgehängt, versucht verzweifelt eine Story in der Zeitung unterzubringen, um sich über Wasser zu halten. Dabei verzichtet er sogar auch auf die journalistische Sorgfaltspflicht. Und zu allem Überfluss ist die eigene Frau zum Nachbarn gezogen. Ähnlich changieren auch die anderen Storys zwischen der persönlichen Situation und dem Bezug zur Presse. Neurosen, Midlife-Crisis und Findungsmiseren – privat und beruflich – begegnen dem Leser an jeder Ecke und machen die Figuren selten zu richtigen Sympathieträgern. Das ist an sich keine Schwachstelle, wenn das Buch nicht zu sehr abhängig wäre von der Qualität der einzelnen Geschichten.

Mosaik vs. Geschichtenband
Und genau hier liegt der Unterschied zwischen Rachmans und Egans Büchern. Während es der Amerikanerin gelingt, ihre Geschichten zu einem großen Ganzen zu verbinden und die Mosaiksteine zu einem Bild zusammenzufügen, stehen Rachmans Episoden für sich; sie korrespondieren viel zu wenig miteinander. Die übergeordnete Chronik wirkt auf mich konstruiert und soll einzig und allein die Storys zu einem Roman zusammenkleben.
Allerdings schmälert das nicht die Qualität der einzelnen Teile. Einige der Portraits sind sehr gute Miniaturen. Lloyds verzweifeltes Bemühen, noch einmal einen Treffer für die Titelseite zu landen, lässt einen nicht los – erst recht wenn er dabei persönliche Defizite offenbart. Sehr gelungen ist in meinen Augen auch das Zusammentreffen von Chefkorrektor Herman Cohen mit seinem von ihm bewunderten Schulfreund Jimmy, der sich als nicht ganz so genial entpuppt, wie immer angenommen. Ebenso hat mich die Geschichte über die treue Leserin Ornella de Monterecchi berührt, die stoisch alle Ausgaben der Zeitung sammelt und nacheinander vollständig liest, sodass sie inzwischen der Zeit deutlich hinterherhinkt. Gerade hier zeigt sich Rachmans Talent, dem es durchaus gelingt, Komisches und Tragisches zu manchmal grotesken Szenerien zusammenzubinden.

Wenig Presse, viel Drama
Wer hier nun eine Darstellung des Niederganges der Tagespresse erwartet, der wird enttäuscht sein. Vor allem die Redaktionsgeschehnisse erhalten kaum Raum. Der Verfall der Zeitung wird vorrangig in der Kleisterchronik erzählt und kommt deshalb erheblich zu kurz. Vom studierten Journalisten und Auslandskorrespondenten (u.a. auch in Rom) hatte ich mir mehr Einblick in die Welt der Tagespresse erhofft. Trotz allem aber können sich interessierte Leserinnen und Leser über unterhaltsame Kurzgeschichten freuen, in denen vor allem verschrobene Redaktionsmitglieder und egozentrischen Schreiber große und kleine Dramen durchleben.

Ein Satz: Am nächsten Tag ist ein Kubaner gestorben, der behauptete, 126 Jahre alt zu sein. Kein Mensch glaubt das, aber die Seite neun muss voll werden.

Wem schenken: Volontären bei einer Tageszeitung

Was trinken während des Lesens: koffeinfreien Kaffee

Wäre dieses Buch eine deutsche Tageszeitung, welche wäre es: Frankfurter Rundschau

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