Die Summe der einzelnen Teile I

u1_978-3-596-18940-3Auf fast allen Titeln moderner Belletristik-Bücher in einer Buchhandlung steht ein kleines Wörtchen an prominenter Stelle auf dem Cover: Roman. Nicht ohne Grund hat sich die Gattung als die beliebteste bei den Leserinnen und Lesern herauskristallisiert. Erwartet man sich von ihr doch den größten Lesegenuss, weil der in der Regel große Umfang und die fließende Handlung ein tiefes Eintauchen in andere Welten verspricht.

Doch scheinen in den vergangenen Jahren viele Autoren den Leser aus dieser Komfortzone herausschubsen und fordern zu wollen – so zumindest meine Wahrnehmung. Sie brechen mit der Erwartungshaltung, indem sie die stringente Struktur des Romans zunehmend dekonstruieren und kleinteiliger werden lassen. Aufgefallen ist mir das vor kurzem, als ich zufälligerweise zwei Bücher hintereinander gelesen habe, die sich in der Struktur sehr ähneln und die ich deshalb kurz hintereinander vorstellen möchte: Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ und „Die Unperfekten“ von Tom Rachman. Beides sind Episodenromane, doch unterscheiden sie sich erheblich dadurch, wie die einzelnen Teile miteinander verbunden sind.

Jennifer Egan: „Der größere Teil der Welt“

(Fischer Taschenbuch 2013, Original: „A visit from the Goon Squad“ 2010)

„Ich wollte ein Buch schreiben, bei dem man den Lauf der Zeit spürt“, sagt Jennifer Egan selbst über ihren vierten Roman. Und das ist ihr zweifellos gelungen. Losgelöst von jeglicher Chronologie erzählt Egan vom Schicksal gescheiterter Medienmenschen, Künstler und Wissenschaftler, die durch ein unsichtbares Netz alle miteinander verbunden sind. Eine Gruppe Jugendlicher Ende der 1970er Jahre, von denen einige gemeinsam in einer Band spielen, liefern den Grundstock für die Personal. Einer von ihnen, Bennie Salazar, wird später Chef eines Plattenlabels. Seine Geschichte und die seiner kleptomanischen Assistentin Sasha bilden die Pfeiler des Romans, dessen letzte Story sogar in der Zukunft spielt. Das Personal bietet viel Stoff für unterhaltsame Begegebenheiten, die von Egan in einer so nüchternen und klaren Sprache geschildert werden, dass sich eine subtile Melancholie als Grundton einstellt. Es gibt Episoden, da möchte man in einem Moment laut lachen und im anderen bleibt einem dies als dicker Kloß im Hals stecken. Etwa wenn man Sashas midlif-crisis-geplagten Onkel auf der Suche nach seiner jugendlichen Nichte durch Neapel folgt, wo sie nach einer Weltreise gestrandet ist. Oder in der Episode, in der eine PR-Beraterin einem afrikanischen Despoten ein ehemaliges Hollywood-Sternchen zuführt, um mit ein paar netten Fotos sein Image zu polieren. Egan arbeitet sich dabei nicht an gängigen Klischees ab, sondern greift eher auf gebrochene Figuren aus der Alternative-Kultur zurück. Ironie und Tragik liegen dicht nebeneinander.

Der Autorin gelingt es dabei, den Leser innerhalb kürzester Zeit in die einzelnen Episoden hineinzuziehen. Zwar wird man unvermittelt in die Geschichte geworfen, doch wenige Worte genügen Egan, um Personen und Szenarien vor dem inneren Auge entstehen und vertraut werden zu lassen. Auf die Spitze treibt Egan diese Reduzierungen, wenn sie Sashas Tochter Alison eine Geschichte allein durch Power-Point-Folien erzählen lässt, in der es u. a. um „die besten Pausen der Rockgeschichte“ geht.

Konzeptalbum

Das beeindruckendste für mich an diesem Roman ist allerdings die Konstruktion. Der Aufbau macht deutlich, was Egan mit ihrem Werk eigentlich vorhat. Sie will ein Konzeptalbum schaffen, wie wir es aus der Rock- und Popkultur kennen. Wir finden 13 Geschichten – für ein Album eine gängige Anzahl Tracks – auf eine A- und eine B-Seite verteilt. Jede Geschichte könnte für sich als Short Story stehen. Doch eingebettet in das große Ganze entsteht ein komplexes Panorama, das – wie ein gutes Album – sicherlich mit wiederholtem Lesen noch wächst. Entscheidend dafür sind die Querverweise, die unzähligen Fäden, die Personen und Begegebenheiten zusammenhalten. So steht beispielweise in Sashas Wohung unscheinbar ein Foto ihres besten Freundes Rob. Erst einige Episoden später wird seine Geschichte erzählt und offenbart einen ganz neuen Raum hinter diesem Bild.

Trotz dieser festen Struktur verhindert Egans leichtfüßiges Erzählen und auch eine gewisse Kompromisslosigkeit, dass „Der größere Teil der Welt“ angestrengt konstruiert wirkt. Alles scheint irgendwie logisch und zwingend zusammengebaut. Die Storys harmonieren und korrespondieren miteinander. So abgedroschen das klingen mag: Hat man einmal angefangen zu lesen, dann legt man das Buch so schnell nicht mehr aus der Hand. Das ist wohl das größte Kompliment, das man einem Episodenroman – der von Natur aus sehr viele Anfänge und Enden hat – machen kann.

Ein Satz: „Siehst du“, murmelte Sasha und sah die Sonne an. „Sie gehört mir.“

Wem schenken: Julia Engelmann

Wo lesen: Am Strand, nachts

Welches Musik sollte man während des Lesens hören: Ein Mixtape mit Songs von The Doors, The Strokes und Simon & Garfunkel

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