Der Schüler in uns

Goebel_OsborneJoey Goebel: Ich gegen Osborne, Diogenes Verlag 2013.

Hin und wieder möchte ich beim Lesen ja auf Vertrautes treffen; das Personal und die Verwicklungen schon kennen. Und dabei möglichst in Erinnerungen schwelgen. Vermutlich geht es nicht nur mir so. Kein Wunder also, dass sich Bücher und Serien rund um das Thema Schule immer wieder bestens verkaufen. Denn Lehrer, Schüler und das ganze Drumherum bieten schließlich nie versiegenden Erzählstoff. So ein „Schul-Buch“ ist dank der Schulpflicht einfach massentauglich: Als Jugendbuch bietet es Trost und Unterhaltung für diejenigen, die gerade mittendrin stecken und der Rest der Welt befriedigt damit Anwandlungen von Nostalgie und „Gott-sei-Dank-ist-es-vorbei“-Gedanken gleichermaßen. Schule funktioniert so gut, dass es sich der deutsche Leser auch in der Welt der amerikanischen High-School gemütlich machen kann. Denn die kennt er ja zur Genüge aus Musikvideos, Fernseh-Serien und schaurigen Nachrichtenmeldungen.

Gut für den Buchmarkt und gut für mich also, dass man sich mit „Ich gegen Osborne“ auf bekanntestem Terrain bewegt und dabei trotzdem außerordentlich gut unterhalten wird.

Die schier unerträgliche Gewöhnlichkeit

Die Figurenkonstellation bietet (glücklicherweise) auch hier nichts Neues: Hauptfigur James Weinbach ist der klassische Aussenseiter, der seine Rolle durch Kleidungsstil und Sprachgebrauch kultiviert. Und wie eigentlich jeder Teenager und Schul-Romanheld fühlt er sich hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Abgrenzung und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

James‘ Dreh- und Angelpunkt ist Chloe – und damit kommt auch die unvermeidliche Liebesgeschichte ins Spiel. Eigentlich will James ihr an diesem ersten Ferientag nach dem Spring-Break, dieser legendären Orgie, nur seine Liebe gestehen und im Kurs Кreatives Schreiben für seinen Romanentwurf bewundert werden. Doch dann kommt alles ganz anders: Chloe hat sich in den Ferien nämlich gründlich verändert. Die hat sie mit dem „austauschbar hübschen“ Hamilton Sweeney in Panama City verbracht, dem veruchtesten Ort auf Erden. Gerüchte über Chloes sexuelle Eskapaden kursieren. Das ändert einfach alles und James bleibt ratlos zurück. Waren sie sich nicht immer über Sweeneys Gewöhnlichkeit einig gewesen? Bestand da nicht einmal eine Vereinbarung, die da lautete: Chloe und James gegen Osborne (High School)?

Jetzt muss James allein auf weiter Front kämpfen: Gegen Osborne, gegen Sweeney, gegen Rektor Shankly, gegen den Abschlussball, gegen die ungeschriebenen Gesetze, gegen die alles verschlingende Gewöhnlichkeit, gegen, gegen, gegen…

Kurz und gut: James erlebt einen wilden Schultag mit unerwarteten Wendungen. So einen Schultag wünscht selbst der Autor seinem Sohn nicht. Goebel macht es dem Leser leicht, mit James zu leiden, an seinem Leben Anteil zu nehmen. Auch ich habe mit James gefühlt, ihm in Gedanken gut zugeredet – und dabei mit Genuss gelesen.

„Ich gegen Osborne“  bringt also alle Zutaten eines ausgezeichneten „Schul-Buchs“ mit: Ein Aussenseiter rebelliert gegen die ungeschriebenen Gesetze der High-School, führt kluge und ausgesprochen witzige Monologe und leidet einfach herrlich an enttäuschter Liebe. Hinzu kommen noch wunderbar gezeichnete Charaktere und das Spiel mit Klischees und Stereotypen. Goebel lässt James Weinbach seine Umwelt herrlich böse analysieren. Und das ist durchweg intelligente Unterhaltung. (Sicher auch wegen der guten Übersetzung von Hans M. Herzog.)

Dank der Einteilung des Tages in Schulstunden und mithilfe der wechselnden Charaktere lässt Goebel auf wenigen Seiten die späten 90er mit all ihren Trends und Gruppierungen hier wiederaufleben. Schön gewählt ist auch das Cover, das mit einem Porträt aus dem endenden 19. Jahrhundert wunderbar James‘ Sehnsucht nach der guten alten Zeit aufnimmt. So und nicht anders muss James wohl aussehen.

Für Nostalgiker geeignet

Mit „Ich gegen Osborne“ bin ich direkt in meine eigene Schulzeit zurückgekehrt, die zufällig zur gleichen Zeit wie die von James zu Ende ging. Kein Wunder also, dass ich beim Lesen mehrmals die Vision einer zu „Hit me Baby one more time“ tanzenden Britney Spears hatte. Und auch Angela Chase aus „Willkommen im Leben“ hatte ihren Auftritt. Hach, das waren noch Zeiten. (DVD kaufen?) Der Roman ist also definitiv (aber nicht nur) für Nostalgiker geeignet. Ich rate dringend zum Selberlesen.

 

Der Satz, der bleibt: „Ich fragte mich, ob die unerbittlichste Demenz uns die Telefonnummer unseres besten Freundes aus Kindertagen nehmen konnte?“

Wem schenken? Alte Schulfreunde und der pubertierende Neffe werden sich freuen.

Wenn dieses Buch ein Ereignis wäre, wäre es ein vergnügter Abend mit alten Freunden, die man viel zu selten sieht.

Wo lesen? Unterm Tisch im Musikunterricht / Konferenz

 

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