Das bisschen Haushalt …

WischundWegMaria Antas: „Wisch und Weg. Ein Buch über das Putzen“, Insel Verlag Berlin 2015

Meinen Haushalt führe ich nicht gerade mit Hingabe, sondern mit schlechtem Gewissen und dauerndem „Ich muss mal wieder…“. Ich quäle mich mit Haushaltsdingen und fühle mich beim Aufräumen und Putzen meistens von den schönen, vermeintlich wichtigeren Dingen des Lebens ferngehalten. Dann werde ich ungeduldig, weshalb das Ergebnis dann wegen der mangelnden Geduld und Hingabe eben selten so ist, wie ich es mir wünschen würde. Dabei finde ich ordentliche, blitzblanke Wohnstätten äußerst anziehend, ja geradezu erstrebenswert. Aber dieser Wunsch genügt dennoch nicht, um das Putzen an die erste Stelle meiner Aktivitäten zu setzen. Nein, lieber lese ich und mache nach dem Motto „Augen zu und durch“ sauber. Im übertragenen Sinne natürlich.
Wenn man also lieber liest als putzt, liegt es nahe, sich wenigstens ein Buch über das Putzen zuzulegen. So kann man das Saubermachen schon einmal gedanklich durchspielen und ist nicht vollkommen untätig.
Letztens bin ich dann über „Wisch und Weg“ gestolpert – denn gesucht hätte ich ein Buch über das Putzen nun wirklich nicht.

Rausgeputzt

Maria Antas` „Wisch und Weg“ ist so schön gestaltet – hat sich geradezu rausgeputzt – , dass es von der „Stiftung Buchkunst“ als eines der schönsten deutschen Bücher 2015 in der Kategorie „Fachbücher, Wissenschaftliche Bücher, Sach- und Schulbücher“ ausgezeichnet wurde. Dies liegt natürlich vor allem an den nostalgisch anmutenden Illustrationen von Kat Menschik, die dem Schrubber und der Kittelschürze ein freundliches und selbstbewusstes Angesicht verleiht. Das Buch ist ausgestattet mit Illustrationsseiten und Vignetten, die den Text aufs Schönste auflockern.
Satz und Typografie sind eine Augenweide, sodass ich mich an den roten Seitenzahlen und ebensolchen Trennpunkten zwischen den Abschnitten erfreut habe. Irgendwie scheint auch das Papier in „Wisch und Weg“ glatter und sauberer zu sein als in anderen Büchern… Der Buchdeckel besteht aus stabiler Pappe und ist in Meerblau, Rot und Weiß gehalten, was einen „nordischen“ Eindruck macht. Das Buch ist mit der Liebe zum Detail gestaltet und wirkt dabei so aufgeräumt, wie es sich für ein Buch über das Putzen gehört.

Putzen, putzen, putzen

„Wisch und Weg“ ist das erste Buch der finnischen Literaturwissenschaftlerin Maria Antas, die für das Literaturprogramm des Ehrengastes Finnland auf der Frankfurter Buchmesse 2014 verantwortlich war. Antas, Jahrgang 1964 und Tochter einer Putzfrau, hat sich dem Thema in Form eines Tagebuchs genähert. Sie beschäftigt sich mit dem Putzen im Wandel der Zeit und lässt dabei Autobiografisches einfließen, was mir immer besonders gut gefällt. Mithilfe von Assoziationsketten erschließt sie kulturgeschichtliche Fakten und diese Herangehensweise passt perfekt zum Thema, da das Buch ebensowenig ein Anfang und ein Ende hat wie das Putzen selbst. Da Antas Finnlandschwedin ist, kommen auch finnische Eigenheiten und Putzgewohnheiten nicht zu kurz – das freut mich als Finnlandliebhaberin natürlich besonders. – Doch auch ohne Finnland-Verstrickung kann man die Lektüre vollends genießen.

Neben dem Putzlappen schwingt Antas auch ein wenig die Moralkeule, aber das ist wichtig und gut so. Gleichberechtigung, Umweltschutz, Umgang und Bezahlung von Putzkräften, sich wandelnde Wertvorstellungen – Putzen ist ein überraschend weitreichender Themenkomplex, der hier unterhaltsam aufbereitet wird. „Wisch und Weg“ lädt im besten Sinne zum Putzen mit Köpfchen ein und hält eine Vielzahl von Denkanstößen bereit: Sind nicht all die Putzmittel eigentlich überflüssig und laden lediglich zum unnötigen Konsum ein? Sind Essigreiniger, Geduld und Scheuerlappen nicht effektiver als aggressive Reinigungsmittel und asthmatische Staubsauger?
Wurde in der DDR wirklich weniger aggressiv geputzt als im Westen? Das zumindest erstaunt mich. Wenn ich an meine Kindheit in der DDR denke, rieche ich Putzmittel, Bohnerwachs und sehe Kindergartenkinder den Besen schwingen. Ist das heute eigentlich noch üblich? Gibt es heute eigentlich noch Kinderbücher übers Putzen oder Aufräumen? Oder wird auch hier das Putzen in eine dunkle Ecke verbannt?
Die meisten dieser Gedanken sind so naheliegend wie einleuchtend. Lediglich bei Frau Antas`Begeisterung für gemangelte Bettwäsche und Teppichklopfen steige ich aus. Das geht zu weit.

Mich hat „Wisch und Weg“ vor allem unterhalten. Darüber hinaus hat es aber auch tatsächlich mein Putzverhalten beeinflusst. So wühlte ich zum Beispiel tief in meinem Schrank nach Gallseife. Mit dieser wasche ich nun wieder kleine Flecken aus, anstatt gleich die Waschmaschine zu starten. Das schont die Umwelt und die samstäglichen Wäscheberge sind auch gleich weniger geworden. Und wenn ich mich recht entsinne, wurde das doch früher auch so gemacht, oder? Ich versuche, das Putzen nicht mehr in eine dunkle Ecke zu drängen, sondern mich der Angelegenheit zu stellen. Das hilft. Alles eine Frage der Geisteshaltung.
Nicht zuletzt rief mir dieses hübsche Buch auch wieder meine Begeisterung für den finnischen Geschirr-Trockenschrank ins Gedächtnis. Dieser Schrank ist direkt über dem Spülbecken angebracht und beherbergt das abtropfende Geschirr.  Warum der Trockenschrank nicht zum Exportschlager wurde, weiß die kluge Frau Antas leider nicht; mir war es auch schon immer schleierhaft. Aber: Sollte ich jemals in den Genuss kommen, eine Küche nach meinem Geschmack einzurichten, darf der finnische Trockenschrank nicht fehlen. Denn er schafft Ordnung, ist zeitsparend – und beschert mir somit Zeit zum Lesen.

Der Satz, der bleibt:

Tugenden sind langweilig geworden. Niemand will mehr rechtschaffen sein, denn rechtschaffen ist dumm. … Smart sein ist viel angesagter.

Wenn dieses Buch Essen wäre, dann wäre es

Heidelbeeren mit Sahne

Wo lesen?

In Ruhe, am besten zu Hause. So kann man gleich nach der Gallseife suchen.

5 Gedanken zu „Das bisschen Haushalt …

  1. Eigentlich habe ich bei diesem Titel nicht gedacht, dass es ein Buch ist, dass mir gefallen könnte. Eben weil bei mir das Verhältnis zum Putzen ähnlich dem Deinen ist. Doch beim weiteren Lesen der Rezension wurde das Buch immer interessanter und wenn es von der Stiftung Buchkunst prämierte, dann soll es auch etwas heißen. Ich werde es mir auf jeden Fall (zumindest in der Buchhandlung) etwas näher ansehen und vielleicht auch kaufen.

    PS: Schön wieder von Dir zu lesen!

    1. Liebe Katja,

      herzlichen Dank für deinen motivierenden Kommentar. Sag doch mal Bescheid, wie es Dir gefallen hat.

      Liebe Grüße

      Henrike

  2. Das Buch fand ich damals, als ich es das erste Mal sah, schon so verrückt und interessant, daß ich es wirklich mal lesen müßte. Vielen Dank Dir für die ansprechende Besprechung!

    Liebe Grüße

    Shaakai

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