Archiv der Kategorie: Gegenwart

Namenlos durch die Welt

Smith, Zadie: Swing Time, KiWi 2017.

Nachdem ich „Swing Time“ zugeklappt hatte, fragte ich mich sofort: Was hat mich daran eigentlich so gefesselt? Merkwürdigerweise aber stellte sich mir diese Frage während des Lesens nie. Ohne zu zögern hatte ich die 625 Seiten in nur sieben Tage weggelesen.
Die Hauptfigur in „Swing Time“ nimmt uns mit auf eine 25 Jahre ihres Lebens umfassende Reise. Dass sie namenlos ist, fiel mir erst nach ca. 30 Seiten auf. Dem Roman schadet die Namenlosigkeit keineswegs, der Lesbarkeit dieses Textes schon eher. Ich muss mich hier mit einem „sie“ begnügen, während die Protagonistin ihre Lebensgeschichte in der Ich-Form erzählt. Namenlos durch die Welt weiterlesen

Immer diese Beziehungen

Knecht, Doris: Alles über Beziehungen, Rowohlt 2017. / Ryan, Christopher/Jetha, Cacilda: Sex. Die wahre Geschichte, Klett-Cotta 2016.

Doris Knechts Roman „Alles über Beziehungen“ und Ryan/Jethás Sachbuch „Sex. Die wahre Geschichte“ – Das sind zwei Bücher, die laut Titel nichts weniger als die umfassende Wahrheit für sich beanspruchen. Na endlich! Buch gelesen, verstanden, fertig. Ach, wenn es doch so einfach wäre… Doch was ist die wahre Geschichte? Und wer weiß schon alles über Beziehungen? Doris Knecht  zumindest kennt sich ziemlich gut aus, wenn es um „moderne“ Beziehungen oder vielmehr um den modernen Großstädter und sein Beziehungsgeflecht geht. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie die Viktors Geschichte geschrieben. Eine Geschichte über einen Mann, der das Fremdgehen einfach nicht lassen kann und somit ziemlich viele Beziehungen pflegt. Immer diese Beziehungen weiterlesen

Nachtbekanntschaften

Lauenstein_NachtsLauenstein, Mercedes: „Nachts“, Aufbau Verlag 2015

Ich schlafe nachts. Am liebsten mit Ohrstöpseln und mehr als acht Stunden. Nachtwanderungen kämen mir nicht in den Sinn und noch weniger, zur Nachtzeit an fremden Wohnungstüren zu klingeln. Auch nicht, um neue Bekanntschaften zu machen. Aber für derartige Aktionen gibt es ja die Literatur und Mercedes Lauensteins Debütroman „Nachts“.
„Nachts“ begibt sich eine namenlose und sehr junge Ich-Erzählerin auf Geschichtensuche. Sie klingelt an den Türen wildfremder Menschen um zu erfahren, womit sich diese zu nachtschlafender Zeit beschäftigen. Wenig überraschend trifft sie dabei auf eine Säuglingsmutter, auf den Rentner, der sich nach einem langen Arbeitsleben an die Freiheit des unregelmäßigen Tagesablaufs gewöhnt sowie auf den Geistesgestörten, der ihr dann doch ein wenig Angst macht. Und selbstverständlich darf auch der Mann, den sie erst zur Mittagszeit wieder verlässt, nicht fehlen. Nachtbekanntschaften weiterlesen

Grau mit farbigen Tupfen

Klüsendorf_AprilKlüssendorf, Angelika: „April“, KIWI 2014

Im Klappentext zu „April“ reihen sich Zitate von namhaften Literaturkritikern aneinander. Die Qualität des Buches bezweifeln sie nicht, aber wie unterschiedlich sie es doch lesen!
So schreibt Elmar Krekeler in der Welt: “ ,April‘ ist ein wehes, ein schreckliches und schönes Buch.“ Und in der Süddeutschen Zeitung stellt Gustav Seibt fest: „Aprils Staunen und ihre Beobachtungsgabe werden zu einem großen Spaß für den Leser.“
Krekeler empfindet „April“ als schrecklich schönes Buch und Gustav Seibt hat beim Lesen sogar „großen“ Spaß. Ein schreckliches Buch, das Spaß macht also. Nun, Spaß ist wirklich kein Begriff, der mir in Bezug auf „April“ in den Sinn kommt.
Spaß verbinde ich mit Leichtigkeit, mit Sommerlektüre. Doch mit „April“ hat Angelika Klüssendorf keineswegs Sommerlektüre verfasst. Wie passend, dass das Buch im Februar des Jahres 2014 erschienen ist. Ja, „April“ ist ein regelrechter Februarroman, den man natürlich auch im Sommer lesen sollte. Aber am Strand erschiene er dennoch deplatziert.
Angelika Klüssendorf wurde einer breiteren Leserschaft mit „Das Mädchen“ bekannt. „April“ knüpft daran an; die Texte können als zwei Teile eines Entwicklungsromans gelesen werden. Beide Werken ergänzen sich gut, sind aber auch getrennt voneinander vollkommen. Wer „Das Mädchen“ gelesen hat, erkennt es in April wieder. Grau mit farbigen Tupfen weiterlesen

Krimi mit besonderen Vorzügen

fitzgerald_-_exHelen FitzGerald: „Ex“, Galiani Berlin 2015

Wenn mein Zweilesen-Kollege Sebastian seinen Ausflug in die Krimiwelt doch mit „Ex“ begonnen hätte! (zu Sebastians Text) Dann wäre seine Abneigung gegen Kriminalliteratur nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Da bin ich mir ganz sicher.
Aber ist „Krimi“ für „Ex“ eigentlich die korrekte Genrebezeichnung? „Ex“ ist unterhaltsam, und das muss ein Krimi ja sein. „Ex“ ist spannend und auch das sollte ein Krimi unbedingt sein. Und „Ex“ handelt schließlich von Mord, genauer gesagt von Serienmord. Und damit hätten wir ja dann alle Krimi-Grundzutaten beisammen. Wenn da nicht die Erzählerstimme, die Perspektivwechsel und vor allem die unzähligen Wendungen wären, die weit über den klassischen „Whodunit“ hinausgehen. Durch die Ich-Erzählerin und die Cliffhanger im Plot weist „Ex“ sogar Merkmale eines Thrillers auf, dem aber glücklicherweise die Blutrünstigkeit fehlt. In dieser Hinsicht hält sich Helen FitzGerald vornehm zurück, auch wenn sie sonst nicht mit deutlichen Worten geizt. Aber  Genrebezeichnungen wie Thriller, Krimi oder Beziehungsroman charakterisieren diesen erfrischenden Roman nur unzureichend. „Ex“ passt einfach in keine Schublade und ist dadurch besonders schön zu lesen – aus inhaltlicher und erzählerischer Hinsicht.
Von Helen FitzGerald hatte ich noch nichts gehört und gelesen, bis mich Galiani Berlin per Mail auf „Ex“ hinwies. Und weil ich mich bei der Lektüre-Auswahl ja gern treiben lasse, griff ich zu. (Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich gerade wenig Lust auf all die wartenden Bücher hatte und ich mich nach einem schönen Krimi sehnte. Ja, so unterscheiden wir uns, Kollege Sebastian und ich.) Völlig unvoreingenommen und ohne jede Erwartung machte ich mich ans Lesen. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch noch einige Ausweich-Bücher ins Urlaubsgepäck gelegt. Nur so zur Sicherheit. Krimi mit besonderen Vorzügen weiterlesen

Von Buch zu Buch

HStärkstenelene Uri, „Honigzungen“, Heyne 2004 /„Nur die Stärksten überleben“, Piper 2008

Ich finde, es ist an der Zeit, einmal über einen Dauergast in meinem Bücherregal zu schreiben. Über eines der Bücher, die mich bei jedem Umzug begleiten und die ich niemals dem offenen Bücherschrank oder der örtlichen Bibliothek spenden würde.
Schon mal was von Helene Uri gehört oder gar gelesen? Nein? Das wundert mich nicht. Frau Uri ist nicht gerade als Bestsellerautorin bekannt, zumindest nicht hierzulande. In Norwegen sieht das schon ein wenig anders aus, dort wird sie mit Preisen zwar nicht gerade überhäuft, aber zumindest bedacht und war mit „Nur die Stärksten überleben“ sogar über ein Jahr auf der Bestsellerliste vertreten. Und die Bücher der promovierten Sprachwissenschaftlerin wurden u.a.  sogar ins Litauische und Ungarische übersetzt.
Vor einigen Jahren habe ich ihr Buch „Nur die Stärksten überleben“ in einer Verlagsramschkiste gefunden, geradezu verschlungen und nicht wieder vergessen. Da ich damals unter einem regelrechten Bücherüberangebot „litt“, ist das schon bemerkenswert. Von Buch zu Buch weiterlesen

Unterwegs mit Anita

ArztromanKristof Magnusson: „Arztroman“, Verlag Antje Kunstmann 2014.

Emergency Room, Grey’s Anatomy, Dr. House. – Das alles ist nichts für mich. Medizin in Film und Fernsehen lässt mich kalt, geradezu eiskalt.
Aber wehe, ich kriege eine „Apotheken-Umschau“ in die Finger! Und an manchen Tagen juckt mich das Weltgeschehen nicht so sehr wie der „Rätselhafte Patient“ auf Spiegel Online.
Auch Arztromane standen noch nie auf meiner Liste, da fühle ich ja förmlich das dünne Papier. Um nur eines der geringeren Übel zu nennen. Ganz nüchtern hingegen kommt das 2014 erschienene Werk von Kristof Magnusson, den man spätestens seit „Das war ich nicht“ kennt und kennen sollte, daher. Er nennt es einfach „Arztroman“. „Ärztinnenroman“ klingt eben einfach nicht gut. Aber genau das ist es: Ein Roman, der sich mit einer Notärztin, ihren Patienten, Kollegen und selbstverständlich mit ihrem Privatleben beschäftigt. So nüchtern wie der Titel ist auch das Cover, schlicht und gut. Unterwegs mit Anita weiterlesen

Es müsste immer Soul da sein

485-219Michael Chabon: „Telegraph Avenue“, Kiepenheuer und Witsch 2014 (Original 2012)

In fast allen meinen bisherigen Rezensionen dreht es sich um Bücher, die irgendwie mit Musik zu tun haben. Das war so nicht beabsichtigt. Ich bin zugegebenermaßen schon etwas überrascht, dass meine Begeisterung für Musik sich tatsächlich auch in der Wahl meiner Bücher niederschlägt. Aber eigentlich sollte mich das nicht wundern, denn insgeheim sehe ich es genauso wie Floyd aus dem Film „Absolute Giganten“: „Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn’s so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“ Es müsste immer Soul da sein weiterlesen

Helsinki ist überall

TeirPhilip Teir: Winterkrieg”, Blessing Verlag 2014

Die Buchmesse 2014 ist Geschichte und Ehrengast Finnland bereitet sich daheim mit Korvapuusti und Karhu auf den langen, dunklen Winter vor. Da wird es wirklich Zeit, meine diesjährige Buchmessenentdeckung unter die Leser zu bringen.

Philip Teirs „Winterkrieg“ kann man nämlich auch und nicht nur im deutschen Winter sehr gut lesen. Glücklicherweise nahm die örtlichen Stadtbücherei die Buchmesse zum Anlass, dieses Buch an exponierter Stelle zu präsentieren – sicherlich wäre es mir sonst nicht begegnet. Ob es ohne den finnischen Ehrengast überhaupt in Deutschland erschienen wäre? Wie hätte dann wohl das Marketing ausgesehen? Hätte die Bibliothekarin „Winterkrieg“ überhaupt gekauft und so aufgestellt, dass man förmlich darüber stolpern musste? Vielleicht sollte ich mal nachfragen… Helsinki ist überall weiterlesen