Archiv der Kategorie: Englischsprachige Belletristik

Namenlos durch die Welt

Smith, Zadie: Swing Time, KiWi 2017.

Nachdem ich „Swing Time“ zugeklappt hatte, fragte ich mich sofort: Was hat mich daran eigentlich so gefesselt? Merkwürdigerweise aber stellte sich mir diese Frage während des Lesens nie. Ohne zu zögern hatte ich die 625 Seiten in nur sieben Tage weggelesen.
Die Hauptfigur in „Swing Time“ nimmt uns mit auf eine 25 Jahre ihres Lebens umfassende Reise. Dass sie namenlos ist, fiel mir erst nach ca. 30 Seiten auf. Dem Roman schadet die Namenlosigkeit keineswegs, der Lesbarkeit dieses Textes schon eher. Ich muss mich hier mit einem „sie“ begnügen, während die Protagonistin ihre Lebensgeschichte in der Ich-Form erzählt. Namenlos durch die Welt weiterlesen

Krimi mit besonderen Vorzügen

fitzgerald_-_exHelen FitzGerald: „Ex“, Galiani Berlin 2015

Wenn mein Zweilesen-Kollege Sebastian seinen Ausflug in die Krimiwelt doch mit „Ex“ begonnen hätte! (zu Sebastians Text) Dann wäre seine Abneigung gegen Kriminalliteratur nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Da bin ich mir ganz sicher.
Aber ist „Krimi“ für „Ex“ eigentlich die korrekte Genrebezeichnung? „Ex“ ist unterhaltsam, und das muss ein Krimi ja sein. „Ex“ ist spannend und auch das sollte ein Krimi unbedingt sein. Und „Ex“ handelt schließlich von Mord, genauer gesagt von Serienmord. Und damit hätten wir ja dann alle Krimi-Grundzutaten beisammen. Wenn da nicht die Erzählerstimme, die Perspektivwechsel und vor allem die unzähligen Wendungen wären, die weit über den klassischen „Whodunit“ hinausgehen. Durch die Ich-Erzählerin und die Cliffhanger im Plot weist „Ex“ sogar Merkmale eines Thrillers auf, dem aber glücklicherweise die Blutrünstigkeit fehlt. In dieser Hinsicht hält sich Helen FitzGerald vornehm zurück, auch wenn sie sonst nicht mit deutlichen Worten geizt. Aber  Genrebezeichnungen wie Thriller, Krimi oder Beziehungsroman charakterisieren diesen erfrischenden Roman nur unzureichend. „Ex“ passt einfach in keine Schublade und ist dadurch besonders schön zu lesen – aus inhaltlicher und erzählerischer Hinsicht.
Von Helen FitzGerald hatte ich noch nichts gehört und gelesen, bis mich Galiani Berlin per Mail auf „Ex“ hinwies. Und weil ich mich bei der Lektüre-Auswahl ja gern treiben lasse, griff ich zu. (Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich gerade wenig Lust auf all die wartenden Bücher hatte und ich mich nach einem schönen Krimi sehnte. Ja, so unterscheiden wir uns, Kollege Sebastian und ich.) Völlig unvoreingenommen und ohne jede Erwartung machte ich mich ans Lesen. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch noch einige Ausweich-Bücher ins Urlaubsgepäck gelegt. Nur so zur Sicherheit. Krimi mit besonderen Vorzügen weiterlesen

Emma antwortet nicht

simJonathan Coe: „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“, Deutsche Verlags-Anstalt 2010

Vor einiger Zeit lief der Film „Her“ in den Kinos. Ein Mann mittleren Alters, von Beruf professioneller Briefeschreiber, verliebt sich in das Betriebssystem, das all seine technischen Geräte und bald auch sein Leben verwaltet. Samantha – so der Name des Systems – taucht zwar nicht körperlich auf, Sex Appeal bleibt trotzdem nicht aus, denn Scarlett Johansson leiht Samantha ihre Stimme. Sie entwickelt eine eigene Persönlichkeit und verwickelt sich mit seinem Besitzer in eine buchstäbliche Amour fou. Regisseur und Autor Spike Jonze sucht mit diesem stillen Meisterwerk Antworten auf elementare Fragen in der hochtechnisierten Gesellschaft: Was verbindet Menschen? Verändert sich die Liebe in Zeiten des W-Lans? Warum gibt es Einsamkeit in einer Gesellschaft, die vor Kommunikationsmitteln nur so strotzt? Der Film hat mich länger beschäftigt als nur während des Wegs vom Kino nach Hause. Im Vorfeld hatte ich befürchtet, dass das Thema – Mann verliebt sich in (Computer)Stimme – zu absurd erscheinen könnte. Doch das erstaunlichste ist, dass das Paar bereits nach kurzer Zeit völlig normal erscheint. Emma antwortet nicht weiterlesen

Alt sind immer nur die anderen

smithZadie Smith: „London NW“, Kiepenheuer & Witsch 2014

Es ist zweifellos deprimierend, wenn einem die eigenen Freunde plötzlich alt vorkommen; spießig, bürgerlich und langweilig. Und nur das „Weißt-du-noch“ als öder Spaß bleibt, von dem man irgendwann nicht mehr weiß, wo Wahrheit aufhört und Dichtung anfängt.
So geht es zumindest den vier Hauptpersonen Leah, Natalie, Nathan und Felix in Zadie Smiths Roman „London NW“.
Leah und Natalie verbindet eine mehr oder weniger auf Verpflichtung beruhende Freundschaft und Nathan und Felix sind so etwas wie Relikte aus alten Zeiten. Aber was heißt hier eigentlich alt? So richtig alt sind Leah, Natalie/Keisha, Nathan und Felix mit Mitte Dreißig natürlich noch nicht. Schließlich ist ja Dreißig das neue Zwanzig. Sagen wir also lieber erwachsen dazu. Alt sind immer nur die anderen weiterlesen

Allahs Punks

Michael Mutaqwacore_300dpihammad Knight: Taqwacore, Rogner & Bernhard 2011; Original: The Taqwacores, 2004)

Vor einigen Wochen besuchte ich aus beruflichen Gründen eine dreitägige Veranstaltung, die als Höhepunkte die Auftritte eines berühmten Koches, eines mittelmäßig berühmten Arztes und eines irgendwann mal berühmten Sängers bereithielt. Eingekeilt zwischen esoterisch veranlagten Damen, die mit allerlei Verkaufstricks versuchten, ihre selbstverfassten Findungsbücher – überwiegend – an die Frau zu bringen („Ich lese Ihnen gern mal aus der Hand, kostet sonst 60 Euro.“), saß ich weitestgehend apathisch auf einem Stuhl und beobachtete das Geschehen auf der Bühne, auf der besagte Stargäste sich mit weniger begabten Vortragenden die Klinke in die Hand gaben. Ein begnadeter, aber leider unbeachteter Folksänger füllte die Pausen. Und statt Tumbleweed, das in Western gern mal durch die Ödnis rollt, schoben sich in unregelmäßigen Abständen Senioren mit ihren Rollatoren durch mein Blickfeld.   Allahs Punks weiterlesen

Die Summe der einzelnen Teile II

Tom Rachman: Die 574_img1Unperfekten, dtv 2013 (Original: The Imperfectionists 2010)
Tom Rachman beschreibt in seinem Debütroman den Niedergang einer englischsprachigen Tageszeitung, die in Rom erscheint. Er bedient sich dabei ebenfalls der kleinteiligen Struktur des Episodenromans, weshalb ich ihn – wie an anderer Stelle erwähnt – mit Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ besprechen möchte.
Das Buch des gebürtigen Briten besteht aus zwei Bereichen: In elf Short Storys zeichnet er das Bild des Personals nach, das für die Tageszeitung arbeitet bzw. mit ihr in Verbindung steht. Zusammengehalten werden diese Portraits durch eine Chronik des Blattes, von der Gründung in den 1950er Jahren bis zur Schließung der Redaktion 2007, die in kurzen Episoden (ausschnitthaft) wiedergegeben wird. Das Ensemble ist breit gefächert und erinnert etwas an Figuren aus einem Woody-Allen Film.

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Die Summe der einzelnen Teile I

u1_978-3-596-18940-3Auf fast allen Titeln moderner Belletristik-Bücher in einer Buchhandlung steht ein kleines Wörtchen an prominenter Stelle auf dem Cover: Roman. Nicht ohne Grund hat sich die Gattung als die beliebteste bei den Leserinnen und Lesern herauskristallisiert. Erwartet man sich von ihr doch den größten Lesegenuss, weil der in der Regel große Umfang und die fließende Handlung ein tiefes Eintauchen in andere Welten verspricht.

Doch scheinen in den vergangenen Jahren viele Autoren den Leser aus dieser Komfortzone herausschubsen und fordern zu wollen – so zumindest meine Wahrnehmung. Sie brechen mit der Erwartungshaltung, indem sie die stringente Struktur des Romans zunehmend dekonstruieren und kleinteiliger werden lassen. Aufgefallen ist mir das vor kurzem, als ich zufälligerweise zwei Bücher hintereinander gelesen habe, die sich in der Struktur sehr ähneln und die ich deshalb kurz hintereinander vorstellen möchte: Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ und „Die Unperfekten“ von Tom Rachman. Beides sind Episodenromane, doch unterscheiden sie sich erheblich dadurch, wie die einzelnen Teile miteinander verbunden sind.

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Der Ohrensessel lässt grüßen

Galbraith_KuckuckRobert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks, Blanvalet Verlag 2013

Ich liebe Krimis und fürchte mich vor Thrillern. Mittlerweile habe ich den Eindruck, die Blutrünstigkeit erfährt immer neue Höhepunkte und hat noch unendlich viel Luft nach oben. Ich weiß, Autor und Werk sollte man nicht unbedingt in einen Topf werfen. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu fragen, was für Menschen sich solche Abgründigkeiten ausdenken? Selbst wenn Stieg Larsson noch lebte, würde ich mich von ihm nicht auf eine Zimtschnecke einladen lassen. Da bin ich feige.

Meine jugendlichen Bibliotheksausflüge hingegen haben mich mit Agatha Christie verkuppelt. Ich weiß noch wie enttäuscht ich war, als es irgendwann einfach nichts mehr von ihr zu lesen gab. Ende. Aus. Mrs. Christie konnte halt aus dem Jenseits schlecht für Nachschub sorgen. Hercule Poirot mit seinen „kleinen grauen Zellen“ war mein Held und „Cluedo“ halte ich immer noch für ein aufregendes Spiel.  Und spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, wie zart besaitet ich bin.

Kein Wunder also, dass ich mit Robert Galbraiths „Der Ruf des Kuckucks“ in meiner persönlichen Komfortzone angelangt bin. Der Ohrensessel lässt grüßen weiterlesen

Der Schüler in uns

Goebel_OsborneJoey Goebel: Ich gegen Osborne, Diogenes Verlag 2013.

Hin und wieder möchte ich beim Lesen ja auf Vertrautes treffen; das Personal und die Verwicklungen schon kennen. Und dabei möglichst in Erinnerungen schwelgen. Vermutlich geht es nicht nur mir so. Kein Wunder also, dass sich Bücher und Serien rund um das Thema Schule immer wieder bestens verkaufen. Denn Lehrer, Schüler und das ganze Drumherum bieten schließlich nie versiegenden Erzählstoff. So ein „Schul-Buch“ ist dank der Schulpflicht einfach massentauglich: Als Jugendbuch bietet es Trost und Unterhaltung für diejenigen, die gerade mittendrin stecken und der Rest der Welt befriedigt damit Anwandlungen von Nostalgie und „Gott-sei-Dank-ist-es-vorbei“-Gedanken gleichermaßen. Schule funktioniert so gut, dass es sich der deutsche Leser auch in der Welt der amerikanischen High-School gemütlich machen kann. Denn die kennt er ja zur Genüge aus Musikvideos, Fernseh-Serien und schaurigen Nachrichtenmeldungen.

Gut für den Buchmarkt und gut für mich also, dass man sich mit „Ich gegen Osborne“ auf bekanntestem Terrain bewegt und dabei trotzdem außerordentlich gut unterhalten wird. Der Schüler in uns weiterlesen