Archiv der Kategorie: Deutsche Belletristik

Immer diese Beziehungen

Knecht, Doris: Alles über Beziehungen, Rowohlt 2017. / Ryan, Christopher/Jetha, Cacilda: Sex. Die wahre Geschichte, Klett-Cotta 2016.

Doris Knechts Roman „Alles über Beziehungen“ und Ryan/Jethás Sachbuch „Sex. Die wahre Geschichte“ – Das sind zwei Bücher, die laut Titel nichts weniger als die umfassende Wahrheit für sich beanspruchen. Na endlich! Buch gelesen, verstanden, fertig. Ach, wenn es doch so einfach wäre… Doch was ist die wahre Geschichte? Und wer weiß schon alles über Beziehungen? Doris Knecht  zumindest kennt sich ziemlich gut aus, wenn es um „moderne“ Beziehungen oder vielmehr um den modernen Großstädter und sein Beziehungsgeflecht geht. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie die Viktors Geschichte geschrieben. Eine Geschichte über einen Mann, der das Fremdgehen einfach nicht lassen kann und somit ziemlich viele Beziehungen pflegt. Immer diese Beziehungen weiterlesen

Skizze eines Erwachsenwerdens

kubiczekskizzeAndré Kubiczek „Skizze eines Sommers“, Rowohlt 2016

Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal vor Bekanntgabe des Buchpreis-Gewinners bereits 1,5 Romane der Shortlist gelesen zu haben. Dieses Jahr aber fiebere ich bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises so richtig mit.
Und da ich Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ganz schnell weggelegt und André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ hingegen ganz schnell gelesen habe, kann dieser Text hier auch nur eines sein:
EINE LOBHUDELEI! Skizze eines Erwachsenwerdens weiterlesen

Nachtbekanntschaften

Lauenstein_NachtsLauenstein, Mercedes: „Nachts“, Aufbau Verlag 2015

Ich schlafe nachts. Am liebsten mit Ohrstöpseln und mehr als acht Stunden. Nachtwanderungen kämen mir nicht in den Sinn und noch weniger, zur Nachtzeit an fremden Wohnungstüren zu klingeln. Auch nicht, um neue Bekanntschaften zu machen. Aber für derartige Aktionen gibt es ja die Literatur und Mercedes Lauensteins Debütroman „Nachts“.
„Nachts“ begibt sich eine namenlose und sehr junge Ich-Erzählerin auf Geschichtensuche. Sie klingelt an den Türen wildfremder Menschen um zu erfahren, womit sich diese zu nachtschlafender Zeit beschäftigen. Wenig überraschend trifft sie dabei auf eine Säuglingsmutter, auf den Rentner, der sich nach einem langen Arbeitsleben an die Freiheit des unregelmäßigen Tagesablaufs gewöhnt sowie auf den Geistesgestörten, der ihr dann doch ein wenig Angst macht. Und selbstverständlich darf auch der Mann, den sie erst zur Mittagszeit wieder verlässt, nicht fehlen. Nachtbekanntschaften weiterlesen

Grau mit farbigen Tupfen

Klüsendorf_AprilKlüssendorf, Angelika: „April“, KIWI 2014

Im Klappentext zu „April“ reihen sich Zitate von namhaften Literaturkritikern aneinander. Die Qualität des Buches bezweifeln sie nicht, aber wie unterschiedlich sie es doch lesen!
So schreibt Elmar Krekeler in der Welt: “ ,April‘ ist ein wehes, ein schreckliches und schönes Buch.“ Und in der Süddeutschen Zeitung stellt Gustav Seibt fest: „Aprils Staunen und ihre Beobachtungsgabe werden zu einem großen Spaß für den Leser.“
Krekeler empfindet „April“ als schrecklich schönes Buch und Gustav Seibt hat beim Lesen sogar „großen“ Spaß. Ein schreckliches Buch, das Spaß macht also. Nun, Spaß ist wirklich kein Begriff, der mir in Bezug auf „April“ in den Sinn kommt.
Spaß verbinde ich mit Leichtigkeit, mit Sommerlektüre. Doch mit „April“ hat Angelika Klüssendorf keineswegs Sommerlektüre verfasst. Wie passend, dass das Buch im Februar des Jahres 2014 erschienen ist. Ja, „April“ ist ein regelrechter Februarroman, den man natürlich auch im Sommer lesen sollte. Aber am Strand erschiene er dennoch deplatziert.
Angelika Klüssendorf wurde einer breiteren Leserschaft mit „Das Mädchen“ bekannt. „April“ knüpft daran an; die Texte können als zwei Teile eines Entwicklungsromans gelesen werden. Beide Werken ergänzen sich gut, sind aber auch getrennt voneinander vollkommen. Wer „Das Mädchen“ gelesen hat, erkennt es in April wieder. Grau mit farbigen Tupfen weiterlesen

Unterwegs mit Anita

ArztromanKristof Magnusson: „Arztroman“, Verlag Antje Kunstmann 2014.

Emergency Room, Grey’s Anatomy, Dr. House. – Das alles ist nichts für mich. Medizin in Film und Fernsehen lässt mich kalt, geradezu eiskalt.
Aber wehe, ich kriege eine „Apotheken-Umschau“ in die Finger! Und an manchen Tagen juckt mich das Weltgeschehen nicht so sehr wie der „Rätselhafte Patient“ auf Spiegel Online.
Auch Arztromane standen noch nie auf meiner Liste, da fühle ich ja förmlich das dünne Papier. Um nur eines der geringeren Übel zu nennen. Ganz nüchtern hingegen kommt das 2014 erschienene Werk von Kristof Magnusson, den man spätestens seit „Das war ich nicht“ kennt und kennen sollte, daher. Er nennt es einfach „Arztroman“. „Ärztinnenroman“ klingt eben einfach nicht gut. Aber genau das ist es: Ein Roman, der sich mit einer Notärztin, ihren Patienten, Kollegen und selbstverständlich mit ihrem Privatleben beschäftigt. So nüchtern wie der Titel ist auch das Cover, schlicht und gut. Unterwegs mit Anita weiterlesen

Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis

DeutschlehrerinJudith W. Taschler: „Die Deutschlehrerin“, Droemer 2014

Ab und an schaue ich nach, wer denn diesmal den Glauser-Preis gewonnen hat. Im Jahr 2014 ging er an Judith W. Taschler und ihren Roman „Die Deutschlehrerin“. Für alle, die den Preis nicht kennen: Seit mehr als 20 Jahren wird der „Glauser“ für den besten Kriminalroman verliehen. Und zwar vom „Syndikat“, der Autorengruppe deutschsprachiger Krimi-Schriftsteller. Das Preisgeld von 5000 Euro bringen die Autoren selbst auf; für solch hochkarätige Mitglieder wie Sebastian Fitzek und Ingrid Noll dürfte das ja kein Problem darstellen. Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis weiterlesen

Halbe Welt

Hermann_LiebeJudith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, S. Fischer Verlag 2014

„Sommerhaus, später“ steht seit Jahren in meinem Bücherregal, ist jedes Mal mit mir umgezogen und ziemlich zerlesen; schließlich musste es auch für meine erste Seminararbeit herhalten. Daneben steht selbstverständlich „Nichts als Gespenster“, der sehnlichst erwartete und von der Kritik nicht mehr ganz so begeistert aufgenommene „Zweitling“. Der gefiel mir ganz gut, und wurde zum Glück auch verfilmt. Davon blieben mir vor allem Brigitte Hobmeier und Stipe Erceg im Gedächtnis. Schöne Erinnerungen. Halbe Welt weiterlesen

Zwischen Ende und Anfang

9783462044416Tino Hanekamp: „So was von da“, Kiepenheuer & Witsch, 2011.

Vor knapp zwei Jahren hatte ich meinen „John-Lennon-Moment“. Das Radio verkündete am Morgen, dass Nils Koppruch gestorben war. Im Halbschlaf dachte ich erst, mich verhört zu haben, als sich dann aber ein Lied von seiner letzten Platte an die Nachrichten anschloss, war ich wach und ich musste im Internet lesen, dass sich Traum und Realität nicht überlagert hatten. Klingt übertrieben, aber so ungefähr hab ich mir den Moment vorgestellt, als vor 30 Jahren die Welt vom Tod des Beatle erfuhr. Zwischen Ende und Anfang weiterlesen

Mit Vorsicht zu genießen

Hein_WeiskernChristoph Hein: Weiskerns Nachlass, Suhrkamp 2011

Warnung! Geisteswissenschaftler, die sich kurz vor Studienabschluss, auf Jobsuche oder in einer ähnlich gearteten Lebenskrise befinden, sollten die – wenn auch unbedingt empfehlenswerte – Lektüre von „Weiskerns Nachlass“ besser auf später verschieben. Denn was prekär anfängt, kann auch prekär enden.

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Gewohnt schrullig

Regener_cover

Sven Regener: „Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt“, Verlag Galiani, 2013.

Seit ungefähr 20 Jahren nimmt die deutsche Band Element of Crime immer das gleiche Album auf. Regelmäßig erscheinen zehn bis zwölf neue Lieder – von Frontmann Sven Regener selbst ganz richtig mit dem Schlachtruf „Romantik!!!“ versehen. Sicher tut man der Band nicht unrecht, wenn man sagt, sie mache Stimmungsmusik im positiven Sinn: Ihre Musik hüllt den Hörer dank schöner Worte und geruhsamer Musik in eine melancholische Atmosphäre ein. Allerdings besteht die Gefahr, dass unter diesem Schleier die Songs zu einem großen Brei zusammenfließen und der Charakter einzelner Songs verloren geht. Das Risiko, sich zu wiederholen und dabei beliebig zu werden, besteht nicht nur in der Musik, sondern auch in der Literatur. Gewohnt schrullig weiterlesen