Archiv der Kategorie: Allgemein

Alt sind immer nur die anderen

smithZadie Smith: „London NW“, Kiepenheuer & Witsch 2014

Es ist zweifellos deprimierend, wenn einem die eigenen Freunde plötzlich alt vorkommen; spießig, bürgerlich und langweilig. Und nur das „Weißt-du-noch“ als öder Spaß bleibt, von dem man irgendwann nicht mehr weiß, wo Wahrheit aufhört und Dichtung anfängt.
So geht es zumindest den vier Hauptpersonen Leah, Natalie, Nathan und Felix in Zadie Smiths Roman „London NW“.
Leah und Natalie verbindet eine mehr oder weniger auf Verpflichtung beruhende Freundschaft und Nathan und Felix sind so etwas wie Relikte aus alten Zeiten. Aber was heißt hier eigentlich alt? So richtig alt sind Leah, Natalie/Keisha, Nathan und Felix mit Mitte Dreißig natürlich noch nicht. Schließlich ist ja Dreißig das neue Zwanzig. Sagen wir also lieber erwachsen dazu. Alt sind immer nur die anderen weiterlesen

Allahs Punks

Michael Mutaqwacore_300dpihammad Knight: Taqwacore, Rogner & Bernhard 2011; Original: The Taqwacores, 2004)

Vor einigen Wochen besuchte ich aus beruflichen Gründen eine dreitägige Veranstaltung, die als Höhepunkte die Auftritte eines berühmten Koches, eines mittelmäßig berühmten Arztes und eines irgendwann mal berühmten Sängers bereithielt. Eingekeilt zwischen esoterisch veranlagten Damen, die mit allerlei Verkaufstricks versuchten, ihre selbstverfassten Findungsbücher – überwiegend – an die Frau zu bringen („Ich lese Ihnen gern mal aus der Hand, kostet sonst 60 Euro.“), saß ich weitestgehend apathisch auf einem Stuhl und beobachtete das Geschehen auf der Bühne, auf der besagte Stargäste sich mit weniger begabten Vortragenden die Klinke in die Hand gaben. Ein begnadeter, aber leider unbeachteter Folksänger füllte die Pausen. Und statt Tumbleweed, das in Western gern mal durch die Ödnis rollt, schoben sich in unregelmäßigen Abständen Senioren mit ihren Rollatoren durch mein Blickfeld.   Allahs Punks weiterlesen

Ein bisschen grau

murakamiHaruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Dumont 2014

M-U-R-A-K-A-M-I. Der Name ist in aller Munde und vom Bibliothekar bis zum Feuilletonredakteur sind sich alle einig: „Wer Murakami nicht liest, verpasst etwas.“  Da versuch‘ ich mich doch auch mal am „Rekordbestseller“ (Dumont Verlag). Vielleicht klappt’s ja doch noch mit Herrn Murakami und mir. Schließlich habe ich mich ja nach mehreren missglückten Versuchen auch einigermaßen mit der „Gefährlichen Geliebten“ angefreundet. Das Cover ist ja schon einmal sehr, sehr viel versprechend. Ein bisschen grau weiterlesen

Die Summe der einzelnen Teile I

u1_978-3-596-18940-3Auf fast allen Titeln moderner Belletristik-Bücher in einer Buchhandlung steht ein kleines Wörtchen an prominenter Stelle auf dem Cover: Roman. Nicht ohne Grund hat sich die Gattung als die beliebteste bei den Leserinnen und Lesern herauskristallisiert. Erwartet man sich von ihr doch den größten Lesegenuss, weil der in der Regel große Umfang und die fließende Handlung ein tiefes Eintauchen in andere Welten verspricht.

Doch scheinen in den vergangenen Jahren viele Autoren den Leser aus dieser Komfortzone herausschubsen und fordern zu wollen – so zumindest meine Wahrnehmung. Sie brechen mit der Erwartungshaltung, indem sie die stringente Struktur des Romans zunehmend dekonstruieren und kleinteiliger werden lassen. Aufgefallen ist mir das vor kurzem, als ich zufälligerweise zwei Bücher hintereinander gelesen habe, die sich in der Struktur sehr ähneln und die ich deshalb kurz hintereinander vorstellen möchte: Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ und „Die Unperfekten“ von Tom Rachman. Beides sind Episodenromane, doch unterscheiden sie sich erheblich dadurch, wie die einzelnen Teile miteinander verbunden sind.

Die Summe der einzelnen Teile I weiterlesen