Archiv der Kategorie: Allgemein

Immer diese Beziehungen

Knecht, Doris: Alles über Beziehungen, Rowohlt 2017. / Ryan, Christopher/Jetha, Cacilda: Sex. Die wahre Geschichte, Klett-Cotta 2016.

Doris Knechts Roman „Alles über Beziehungen“ und Ryan/Jethás Sachbuch „Sex. Die wahre Geschichte“ – Das sind zwei Bücher, die laut Titel nichts weniger als die umfassende Wahrheit für sich beanspruchen. Na endlich! Buch gelesen, verstanden, fertig. Ach, wenn es doch so einfach wäre… Doch was ist die wahre Geschichte? Und wer weiß schon alles über Beziehungen? Doris Knecht  zumindest kennt sich ziemlich gut aus, wenn es um „moderne“ Beziehungen oder vielmehr um den modernen Großstädter und sein Beziehungsgeflecht geht. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie die Viktors Geschichte geschrieben. Eine Geschichte über einen Mann, der das Fremdgehen einfach nicht lassen kann und somit ziemlich viele Beziehungen pflegt. Immer diese Beziehungen weiterlesen

Utopia, mon amour

Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“, Rowohlt 2011.

Die USA ist am Boden: Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Dollar abhängig von der chinesischen Währung. Geführt wird das Land von einer dauerhaften Übergangsregierung, die nur noch aus einer Partei besteht. Und ein durchgeknallter Verteidigungsminister hat die ehemalige Großmacht in eine sinnlose Militärmission in Venezuela verstrickt, die sich langsam zum Bumerang entwickelt. Klingt wie ein Zukunftsszenario, auf das die Vereinigten Staaten unter ihrem neuen Präsidenten zusteuern? Allerdings! Utopia, mon amour weiterlesen

Nachtbekanntschaften

Lauenstein_NachtsLauenstein, Mercedes: „Nachts“, Aufbau Verlag 2015

Ich schlafe nachts. Am liebsten mit Ohrstöpseln und mehr als acht Stunden. Nachtwanderungen kämen mir nicht in den Sinn und noch weniger, zur Nachtzeit an fremden Wohnungstüren zu klingeln. Auch nicht, um neue Bekanntschaften zu machen. Aber für derartige Aktionen gibt es ja die Literatur und Mercedes Lauensteins Debütroman „Nachts“.
„Nachts“ begibt sich eine namenlose und sehr junge Ich-Erzählerin auf Geschichtensuche. Sie klingelt an den Türen wildfremder Menschen um zu erfahren, womit sich diese zu nachtschlafender Zeit beschäftigen. Wenig überraschend trifft sie dabei auf eine Säuglingsmutter, auf den Rentner, der sich nach einem langen Arbeitsleben an die Freiheit des unregelmäßigen Tagesablaufs gewöhnt sowie auf den Geistesgestörten, der ihr dann doch ein wenig Angst macht. Und selbstverständlich darf auch der Mann, den sie erst zur Mittagszeit wieder verlässt, nicht fehlen. Nachtbekanntschaften weiterlesen

Grau mit farbigen Tupfen

Klüsendorf_AprilKlüssendorf, Angelika: „April“, KIWI 2014

Im Klappentext zu „April“ reihen sich Zitate von namhaften Literaturkritikern aneinander. Die Qualität des Buches bezweifeln sie nicht, aber wie unterschiedlich sie es doch lesen!
So schreibt Elmar Krekeler in der Welt: “ ,April‘ ist ein wehes, ein schreckliches und schönes Buch.“ Und in der Süddeutschen Zeitung stellt Gustav Seibt fest: „Aprils Staunen und ihre Beobachtungsgabe werden zu einem großen Spaß für den Leser.“
Krekeler empfindet „April“ als schrecklich schönes Buch und Gustav Seibt hat beim Lesen sogar „großen“ Spaß. Ein schreckliches Buch, das Spaß macht also. Nun, Spaß ist wirklich kein Begriff, der mir in Bezug auf „April“ in den Sinn kommt.
Spaß verbinde ich mit Leichtigkeit, mit Sommerlektüre. Doch mit „April“ hat Angelika Klüssendorf keineswegs Sommerlektüre verfasst. Wie passend, dass das Buch im Februar des Jahres 2014 erschienen ist. Ja, „April“ ist ein regelrechter Februarroman, den man natürlich auch im Sommer lesen sollte. Aber am Strand erschiene er dennoch deplatziert.
Angelika Klüssendorf wurde einer breiteren Leserschaft mit „Das Mädchen“ bekannt. „April“ knüpft daran an; die Texte können als zwei Teile eines Entwicklungsromans gelesen werden. Beide Werken ergänzen sich gut, sind aber auch getrennt voneinander vollkommen. Wer „Das Mädchen“ gelesen hat, erkennt es in April wieder. Grau mit farbigen Tupfen weiterlesen

Krimi mit besonderen Vorzügen

fitzgerald_-_exHelen FitzGerald: „Ex“, Galiani Berlin 2015

Wenn mein Zweilesen-Kollege Sebastian seinen Ausflug in die Krimiwelt doch mit „Ex“ begonnen hätte! (zu Sebastians Text) Dann wäre seine Abneigung gegen Kriminalliteratur nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Da bin ich mir ganz sicher.
Aber ist „Krimi“ für „Ex“ eigentlich die korrekte Genrebezeichnung? „Ex“ ist unterhaltsam, und das muss ein Krimi ja sein. „Ex“ ist spannend und auch das sollte ein Krimi unbedingt sein. Und „Ex“ handelt schließlich von Mord, genauer gesagt von Serienmord. Und damit hätten wir ja dann alle Krimi-Grundzutaten beisammen. Wenn da nicht die Erzählerstimme, die Perspektivwechsel und vor allem die unzähligen Wendungen wären, die weit über den klassischen „Whodunit“ hinausgehen. Durch die Ich-Erzählerin und die Cliffhanger im Plot weist „Ex“ sogar Merkmale eines Thrillers auf, dem aber glücklicherweise die Blutrünstigkeit fehlt. In dieser Hinsicht hält sich Helen FitzGerald vornehm zurück, auch wenn sie sonst nicht mit deutlichen Worten geizt. Aber  Genrebezeichnungen wie Thriller, Krimi oder Beziehungsroman charakterisieren diesen erfrischenden Roman nur unzureichend. „Ex“ passt einfach in keine Schublade und ist dadurch besonders schön zu lesen – aus inhaltlicher und erzählerischer Hinsicht.
Von Helen FitzGerald hatte ich noch nichts gehört und gelesen, bis mich Galiani Berlin per Mail auf „Ex“ hinwies. Und weil ich mich bei der Lektüre-Auswahl ja gern treiben lasse, griff ich zu. (Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich gerade wenig Lust auf all die wartenden Bücher hatte und ich mich nach einem schönen Krimi sehnte. Ja, so unterscheiden wir uns, Kollege Sebastian und ich.) Völlig unvoreingenommen und ohne jede Erwartung machte ich mich ans Lesen. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch noch einige Ausweich-Bücher ins Urlaubsgepäck gelegt. Nur so zur Sicherheit. Krimi mit besonderen Vorzügen weiterlesen

Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis

DeutschlehrerinJudith W. Taschler: „Die Deutschlehrerin“, Droemer 2014

Ab und an schaue ich nach, wer denn diesmal den Glauser-Preis gewonnen hat. Im Jahr 2014 ging er an Judith W. Taschler und ihren Roman „Die Deutschlehrerin“. Für alle, die den Preis nicht kennen: Seit mehr als 20 Jahren wird der „Glauser“ für den besten Kriminalroman verliehen. Und zwar vom „Syndikat“, der Autorengruppe deutschsprachiger Krimi-Schriftsteller. Das Preisgeld von 5000 Euro bringen die Autoren selbst auf; für solch hochkarätige Mitglieder wie Sebastian Fitzek und Ingrid Noll dürfte das ja kein Problem darstellen. Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis weiterlesen

Helsinki ist überall

TeirPhilip Teir: Winterkrieg”, Blessing Verlag 2014

Die Buchmesse 2014 ist Geschichte und Ehrengast Finnland bereitet sich daheim mit Korvapuusti und Karhu auf den langen, dunklen Winter vor. Da wird es wirklich Zeit, meine diesjährige Buchmessenentdeckung unter die Leser zu bringen.

Philip Teirs „Winterkrieg“ kann man nämlich auch und nicht nur im deutschen Winter sehr gut lesen. Glücklicherweise nahm die örtlichen Stadtbücherei die Buchmesse zum Anlass, dieses Buch an exponierter Stelle zu präsentieren – sicherlich wäre es mir sonst nicht begegnet. Ob es ohne den finnischen Ehrengast überhaupt in Deutschland erschienen wäre? Wie hätte dann wohl das Marketing ausgesehen? Hätte die Bibliothekarin „Winterkrieg“ überhaupt gekauft und so aufgestellt, dass man förmlich darüber stolpern musste? Vielleicht sollte ich mal nachfragen… Helsinki ist überall weiterlesen

Sluk

Lars Saabye CChristensen_LSDer_Sommer_in_dem_meine_135953hristensen: „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“, btb Verlag 2013

Seit dem großen Erfolg des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erscheinen immer mehr Bücher, deren Titel aus einem Substantiv plus Attributsatz bestehen. Nahezu ausnahmslos betrifft das übersetzte Titel. Leider greift dieser Marketingkniff oft zu kurz und wird den Büchern nicht gerecht. So erschien 2013 „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“. Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen hatte dem Buch in seiner Sprache den Titel „Sluk“ gegeben – und das nicht ohne Grund, hat das Wort doch verschiedene Bedeutungen. Zum einen bedeutet es Blinker und meint damit den beim Angeln eingesetzten Kunstköder, zum anderen bezeichnet es einen Abfluss, in dem etwa das Regenwasser von einer Straße verschwindet, in dem aber auch Dinge aufgefangen werden, die nicht in der Kanalisation verschwinden sollen. Und genauso doppeldeutig wie das Wort ist auch dieser Roman, der eigentlich aus zwei, wenn nicht sogar drei Romanen besteht. Sluk weiterlesen

Emma antwortet nicht

simJonathan Coe: „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“, Deutsche Verlags-Anstalt 2010

Vor einiger Zeit lief der Film „Her“ in den Kinos. Ein Mann mittleren Alters, von Beruf professioneller Briefeschreiber, verliebt sich in das Betriebssystem, das all seine technischen Geräte und bald auch sein Leben verwaltet. Samantha – so der Name des Systems – taucht zwar nicht körperlich auf, Sex Appeal bleibt trotzdem nicht aus, denn Scarlett Johansson leiht Samantha ihre Stimme. Sie entwickelt eine eigene Persönlichkeit und verwickelt sich mit seinem Besitzer in eine buchstäbliche Amour fou. Regisseur und Autor Spike Jonze sucht mit diesem stillen Meisterwerk Antworten auf elementare Fragen in der hochtechnisierten Gesellschaft: Was verbindet Menschen? Verändert sich die Liebe in Zeiten des W-Lans? Warum gibt es Einsamkeit in einer Gesellschaft, die vor Kommunikationsmitteln nur so strotzt? Der Film hat mich länger beschäftigt als nur während des Wegs vom Kino nach Hause. Im Vorfeld hatte ich befürchtet, dass das Thema – Mann verliebt sich in (Computer)Stimme – zu absurd erscheinen könnte. Doch das erstaunlichste ist, dass das Paar bereits nach kurzer Zeit völlig normal erscheint. Emma antwortet nicht weiterlesen

Halbe Welt

Hermann_LiebeJudith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, S. Fischer Verlag 2014

„Sommerhaus, später“ steht seit Jahren in meinem Bücherregal, ist jedes Mal mit mir umgezogen und ziemlich zerlesen; schließlich musste es auch für meine erste Seminararbeit herhalten. Daneben steht selbstverständlich „Nichts als Gespenster“, der sehnlichst erwartete und von der Kritik nicht mehr ganz so begeistert aufgenommene „Zweitling“. Der gefiel mir ganz gut, und wurde zum Glück auch verfilmt. Davon blieben mir vor allem Brigitte Hobmeier und Stipe Erceg im Gedächtnis. Schöne Erinnerungen. Halbe Welt weiterlesen