Unterwegs mit Anita

ArztromanKristof Magnusson: „Arztroman“, Verlag Antje Kunstmann 2014.

Emergency Room, Grey’s Anatomy, Dr. House. – Das alles ist nichts für mich. Medizin in Film und Fernsehen lässt mich kalt, geradezu eiskalt.
Aber wehe, ich kriege eine „Apotheken-Umschau“ in die Finger! Und an manchen Tagen juckt mich das Weltgeschehen nicht so sehr wie der „Rätselhafte Patient“ auf Spiegel Online.
Auch Arztromane standen noch nie auf meiner Liste, da fühle ich ja förmlich das dünne Papier. Um nur eines der geringeren Übel zu nennen. Ganz nüchtern hingegen kommt das 2014 erschienene Werk von Kristof Magnusson, den man spätestens seit „Das war ich nicht“ kennt und kennen sollte, daher. Er nennt es einfach „Arztroman“. „Ärztinnenroman“ klingt eben einfach nicht gut. Aber genau das ist es: Ein Roman, der sich mit einer Notärztin, ihren Patienten, Kollegen und selbstverständlich mit ihrem Privatleben beschäftigt. So nüchtern wie der Titel ist auch das Cover, schlicht und gut.

Gar nicht abgebrüht

Die Hauptfigur Anita Cornelius ist Notärztin mit Leib und Seele und dem Hang zu übermäßigem Arbeitseinsatz. Von ihrer Studentenliebe ist sie mittlerweile geschieden und der gemeinsame, pubertierende Sohn fühlt sich beim Vater und der neuen Freundin ein bisschen zu wohl. Anita ist herrlich unspießig und kein bisschen elitär. Selbstdarstellung und Standesdünkel liegen ihr völlig fern. Dabei wurde ja vor nicht allzu langer Zeit wieder einmal eine Studie veröffentlicht, die kein gutes Bild vom Seelenleben heutiger Arztanwärter entwirft: Zu kalt, zu geldgierig, zu… Aber zum Glück ist ja Anita Cornelius gekommen, um unseren Glauben an die Ärzteschaft zu bewahren. Wie wohltuend!
Wenn sie an heißen Sommertagen Austauschstudentinnen wiederbeatmet und kurzatmige Rentner retten will, dann tut sie das mit Liebe zum Menschen und viel Empathie. Es menschelt hier ziemlich, aber das ist schön so. Denn trotz allem kann Anita ziemlich gut anecken und läuft keineswegs nur zielsicher durch die Gegend. Ihrem Kollegen und Kumpel Maik trampelt sie gehörig auf die Füße, ihren neuen Lover verschreckt sie und Heidi, der neuen Frau des Ex – die pikanterweise eine frühere gemeinsame Freundin ist – haut sie auch nicht gerade Schmeicheleien um die Ohren. Ganz zu schweigen von Sohn Lukas, der sich nicht gerade „cool“ entwickelt, sondern mit Stiefmutter, Vater und viel Begeisterung Berlin in Richtung flaches Land verlässt. Anita versteht die Welt und die jugendliche Abgeklärtheit nicht mehr.
Nein, so richtig rund läuft es für Anita und, wie wir wissen, auch für das Gesundheitssystem nicht. Da kann man schon zum Zyniker werden. Und das ist in diesem Fall eine durch und durch nachvollziehbare Entwicklung, die dem ganzen Buch eine schöne Schärfe gibt und damit über die Tendenz zur Schwarz-Weiß-Malerei getrost hinwegsehen lässt. Denn die sympathisch sozialkritische Protagonistin ist weit davon entfernt, abgeklärt und engstirnig zu sein. Der Leser spürt die Liebe des Autors zu seiner Figur förmlich. Und so bleibt ihm auch gar nichts anderes übrig, als ebenfalls tiefe Sympathie für Anita zu empfinden und sie gern zu begleiten, wenn sie ihre Lebenskrise durchlebt und dem Drang zum gründlichen Rundumschlag nachgibt. Das wird auch mal peinlich, aber was soll’s.

Gut beraten

Was mich am „Arztroman“ aber richtig beeindruckt hat, ist Magnussons medizinisches Fachwissen und seine Fähigkeit, dieses literarisch zu verpacken. Ich musste noch einmal nachlesen, ob Magnusson nicht doch Arzt oder zumindest Rettungsassistent ist. Das ist er nicht, hat aber interessanterweise u.a. eine Ausbildung zum Kirchenmusiker genossen. Jedenfalls bedankt er sich am Ende des Buches bei seinen ärztlichen Ratgebern dafür, dass sie seine Patienten überleben ließen.  Anitas und Maiks Kompetenz besteht zweifelsohne und Magnusson wurde offensichtlich sehr, sehr gut beraten. Und bei mindestens einem Notarzt-Einsatz habe ich regelrecht die Luft angehalten und mitgefiebert. Dafür, dass dies kein Spannungsroman ist und vermutlich auch keiner sein will, wird der Leser ausgesprochen gut unterhalten. Auch dank des Wortwitzes und netter Anekdoten, die Anlass zum Lächeln, wenn nicht gar zum Lachen geben. Von einer „Hipsterette“ hatte ich zum Beispiel noch nie gehört, nehme sie aber gern in meinen Wortschatz auf.
Und ohne zu viel verraten zu wollen: Am Ende wird ja doch alles gut!

Der Satz, der bleibt:
„Ich will keinen Sohn, der wie ein Jungliberaler im fritz-kola-Rausch auf Gutmenschen und Penner schimpft.“

Wo lesen?
Egal, es ist überall eine Freude.

Wenn dieses Buch eine Mahlzeit wäre, dann wäre es das wohlverdient zelebrierte Abendessen am Freitag.

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2 Gedanken zu „Unterwegs mit Anita&8220;

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