Alle Beiträge von Sebastian

Utopia, mon amour

Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“, Rowohlt 2011.

Die USA ist am Boden: Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Dollar abhängig von der chinesischen Währung. Geführt wird das Land von einer dauerhaften Übergangsregierung, die nur noch aus einer Partei besteht. Und ein durchgeknallter Verteidigungsminister hat die ehemalige Großmacht in eine sinnlose Militärmission in Venezuela verstrickt, die sich langsam zum Bumerang entwickelt. Klingt wie ein Zukunftsszenario, auf das die Vereinigten Staaten unter ihrem neuen Präsidenten zusteuern? Allerdings! Utopia, mon amour weiterlesen

Und ich der fünfte Beatle

Yesterday von Lars Saabye ChristensenLars Saabye Christensen: „Yesterday“, btb 1997

In meinem Lieblingsbuch liegt noch der Kassenbon, den ich bei seinem Kauf bekam. Die Zahlen und Buchstaben sind komplett verblasst. Und auch das Exemplar des Buches ist nicht mehr das, was ich damals gekauft habe. Doch der kleine weiße Zettel erinnert mich daran, wie das Buch damals zu mir gekommen ist. Im Literarischen Quartett durfte jedes Mitglied vor der Sommerpause noch eine Ferienlektüre empfehlen. Iris Radisch, damals noch als Gast und nicht als ständiges Mitglied in der Runde, legte den Zuschauern „Yesterday“ von Lars Saabye Christensen ans Herz. Im Kopf zwar abgespeichert begegnete Und ich der fünfte Beatle weiterlesen

Wie ich einmal einen Krimi las

Bretonische Verhaeltnisse von Jean-Luc BannalecJean-Luc Bannalec: „Bretonische Verhältnisse“. Goldmann Verlag 2013

Ok, zugegeben, dieser Text ist nicht fair. Denn hier geht es um einen Krimi, und ich kann mit Krimis nichts anfangen. Ich bin auch kein passionierter Tatort-Zuschauer, lasse mich zwar gelegentlich von der Kritik im Vorfeld verleiten, ertappe mich dann aber dabei, wie ich die Nebendarsteller nach Bekanntheitsgrad abklopfe, um auf diese Weise den Täter zu stellen. Am Anfang stirbt einer und Ende weiß man, wer es war – so meine laienhafte Zusammenfassung eines typischen Plots dieser Gattung. Trotzdem dachte ich mir vor kurzem, jetzt sei die Zeit gekommen, dass ich mal einen richtigen Krimi lese. „Das kann doch nicht sein, dass so viele Menschen ein Buch nach dem anderen dieser Sorte verschlingen und ich auf diesem Auge völlig blind bin“, dachte ich mir. „Irgendwas muss das doch haben, dieses ,Fälle lösen‘.“ Ich wollte dazugehören, zum Detektivclub, der mit mir jeden Morgen in der Bahn zur Arbeit pendelt. Wie ich einmal einen Krimi las weiterlesen

Grünes Blut

Mercè Rodoreda: „Der Garten überb_2014_rodoreda_4 dem Meer“, mareverlag 2014.

Vor kurzem ist Leonard Nimoy gestorben. Oder sollte ich besser sagen Mr. Spock? Denn weltweit wird er wohl als eben dieser Erste Offizier des Raumschiffs Enterprise in Erinnerung bleiben. Das faszinierende an Spock lag vor allem in seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit begründet. Dem nüchtern denkenden, vernunftgesteuerten Halbvulkanier lag die Gefühlswelt der Menschen fremd, doch ausgerechnet diese Eigenschaft machte ihn zu einem der beliebtesten Figuren, sogar über das Star-Trek-Universum hinaus. Spocks Neutralität erscheint wie buddhistische Gleichmut, wie eine absolute Gelassenheit, in der Emotionalität nicht möglich ist. Und gleichzeitig schwingt da immer auch diese Melancholie mit, die sich einstellt, wenn sich das Gefühlsleben immer auf Nulllinie bewegt, während rundherum gelacht und geweint wird. Nimoy, der übrigens auch Dichter war, setzte kurz vor seinem Tod einen Tweet ab, der mit der Einsicht eines alten Mannes diesen melancholischen Eindruck noch einmal verstärkt:„A life is a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory.“ („Ein Leben ist ein Garten: Perfekte Momente können erlebt, aber nicht bewahrt werden – außer in der Erinnerung.“) Grünes Blut weiterlesen

Es müsste immer Soul da sein

485-219Michael Chabon: „Telegraph Avenue“, Kiepenheuer und Witsch 2014 (Original 2012)

In fast allen meinen bisherigen Rezensionen dreht es sich um Bücher, die irgendwie mit Musik zu tun haben. Das war so nicht beabsichtigt. Ich bin zugegebenermaßen schon etwas überrascht, dass meine Begeisterung für Musik sich tatsächlich auch in der Wahl meiner Bücher niederschlägt. Aber eigentlich sollte mich das nicht wundern, denn insgeheim sehe ich es genauso wie Floyd aus dem Film „Absolute Giganten“: „Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn’s so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment.“ Es müsste immer Soul da sein weiterlesen

Sluk

Lars Saabye CChristensen_LSDer_Sommer_in_dem_meine_135953hristensen: „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“, btb Verlag 2013

Seit dem großen Erfolg des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erscheinen immer mehr Bücher, deren Titel aus einem Substantiv plus Attributsatz bestehen. Nahezu ausnahmslos betrifft das übersetzte Titel. Leider greift dieser Marketingkniff oft zu kurz und wird den Büchern nicht gerecht. So erschien 2013 „Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte“. Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen hatte dem Buch in seiner Sprache den Titel „Sluk“ gegeben – und das nicht ohne Grund, hat das Wort doch verschiedene Bedeutungen. Zum einen bedeutet es Blinker und meint damit den beim Angeln eingesetzten Kunstköder, zum anderen bezeichnet es einen Abfluss, in dem etwa das Regenwasser von einer Straße verschwindet, in dem aber auch Dinge aufgefangen werden, die nicht in der Kanalisation verschwinden sollen. Und genauso doppeldeutig wie das Wort ist auch dieser Roman, der eigentlich aus zwei, wenn nicht sogar drei Romanen besteht. Sluk weiterlesen

Emma antwortet nicht

simJonathan Coe: „Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim“, Deutsche Verlags-Anstalt 2010

Vor einiger Zeit lief der Film „Her“ in den Kinos. Ein Mann mittleren Alters, von Beruf professioneller Briefeschreiber, verliebt sich in das Betriebssystem, das all seine technischen Geräte und bald auch sein Leben verwaltet. Samantha – so der Name des Systems – taucht zwar nicht körperlich auf, Sex Appeal bleibt trotzdem nicht aus, denn Scarlett Johansson leiht Samantha ihre Stimme. Sie entwickelt eine eigene Persönlichkeit und verwickelt sich mit seinem Besitzer in eine buchstäbliche Amour fou. Regisseur und Autor Spike Jonze sucht mit diesem stillen Meisterwerk Antworten auf elementare Fragen in der hochtechnisierten Gesellschaft: Was verbindet Menschen? Verändert sich die Liebe in Zeiten des W-Lans? Warum gibt es Einsamkeit in einer Gesellschaft, die vor Kommunikationsmitteln nur so strotzt? Der Film hat mich länger beschäftigt als nur während des Wegs vom Kino nach Hause. Im Vorfeld hatte ich befürchtet, dass das Thema – Mann verliebt sich in (Computer)Stimme – zu absurd erscheinen könnte. Doch das erstaunlichste ist, dass das Paar bereits nach kurzer Zeit völlig normal erscheint. Emma antwortet nicht weiterlesen

Zwischen Ende und Anfang

9783462044416Tino Hanekamp: „So was von da“, Kiepenheuer & Witsch, 2011.

Vor knapp zwei Jahren hatte ich meinen „John-Lennon-Moment“. Das Radio verkündete am Morgen, dass Nils Koppruch gestorben war. Im Halbschlaf dachte ich erst, mich verhört zu haben, als sich dann aber ein Lied von seiner letzten Platte an die Nachrichten anschloss, war ich wach und ich musste im Internet lesen, dass sich Traum und Realität nicht überlagert hatten. Klingt übertrieben, aber so ungefähr hab ich mir den Moment vorgestellt, als vor 30 Jahren die Welt vom Tod des Beatle erfuhr. Zwischen Ende und Anfang weiterlesen

Allahs Punks

Michael Mutaqwacore_300dpihammad Knight: Taqwacore, Rogner & Bernhard 2011; Original: The Taqwacores, 2004)

Vor einigen Wochen besuchte ich aus beruflichen Gründen eine dreitägige Veranstaltung, die als Höhepunkte die Auftritte eines berühmten Koches, eines mittelmäßig berühmten Arztes und eines irgendwann mal berühmten Sängers bereithielt. Eingekeilt zwischen esoterisch veranlagten Damen, die mit allerlei Verkaufstricks versuchten, ihre selbstverfassten Findungsbücher – überwiegend – an die Frau zu bringen („Ich lese Ihnen gern mal aus der Hand, kostet sonst 60 Euro.“), saß ich weitestgehend apathisch auf einem Stuhl und beobachtete das Geschehen auf der Bühne, auf der besagte Stargäste sich mit weniger begabten Vortragenden die Klinke in die Hand gaben. Ein begnadeter, aber leider unbeachteter Folksänger füllte die Pausen. Und statt Tumbleweed, das in Western gern mal durch die Ödnis rollt, schoben sich in unregelmäßigen Abständen Senioren mit ihren Rollatoren durch mein Blickfeld.   Allahs Punks weiterlesen

Die Summe der einzelnen Teile II

Tom Rachman: Die 574_img1Unperfekten, dtv 2013 (Original: The Imperfectionists 2010)
Tom Rachman beschreibt in seinem Debütroman den Niedergang einer englischsprachigen Tageszeitung, die in Rom erscheint. Er bedient sich dabei ebenfalls der kleinteiligen Struktur des Episodenromans, weshalb ich ihn – wie an anderer Stelle erwähnt – mit Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ besprechen möchte.
Das Buch des gebürtigen Briten besteht aus zwei Bereichen: In elf Short Storys zeichnet er das Bild des Personals nach, das für die Tageszeitung arbeitet bzw. mit ihr in Verbindung steht. Zusammengehalten werden diese Portraits durch eine Chronik des Blattes, von der Gründung in den 1950er Jahren bis zur Schließung der Redaktion 2007, die in kurzen Episoden (ausschnitthaft) wiedergegeben wird. Das Ensemble ist breit gefächert und erinnert etwas an Figuren aus einem Woody-Allen Film.

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