Alle Beiträge von Henrike

Helsinki ist überall

TeirPhilip Teir: Winterkrieg”, Blessing Verlag 2014

Die Buchmesse 2014 ist Geschichte und Ehrengast Finnland bereitet sich daheim mit Korvapuusti und Karhu auf den langen, dunklen Winter vor. Da wird es wirklich Zeit, meine diesjährige Buchmessenentdeckung unter die Leser zu bringen.

Philip Teirs „Winterkrieg“ kann man nämlich auch und nicht nur im deutschen Winter sehr gut lesen. Glücklicherweise nahm die örtlichen Stadtbücherei die Buchmesse zum Anlass, dieses Buch an exponierter Stelle zu präsentieren – sicherlich wäre es mir sonst nicht begegnet. Ob es ohne den finnischen Ehrengast überhaupt in Deutschland erschienen wäre? Wie hätte dann wohl das Marketing ausgesehen? Hätte die Bibliothekarin „Winterkrieg“ überhaupt gekauft und so aufgestellt, dass man förmlich darüber stolpern musste? Vielleicht sollte ich mal nachfragen… Helsinki ist überall weiterlesen

Halbe Welt

Hermann_LiebeJudith Hermann: „Aller Liebe Anfang“, S. Fischer Verlag 2014

„Sommerhaus, später“ steht seit Jahren in meinem Bücherregal, ist jedes Mal mit mir umgezogen und ziemlich zerlesen; schließlich musste es auch für meine erste Seminararbeit herhalten. Daneben steht selbstverständlich „Nichts als Gespenster“, der sehnlichst erwartete und von der Kritik nicht mehr ganz so begeistert aufgenommene „Zweitling“. Der gefiel mir ganz gut, und wurde zum Glück auch verfilmt. Davon blieben mir vor allem Brigitte Hobmeier und Stipe Erceg im Gedächtnis. Schöne Erinnerungen. Halbe Welt weiterlesen

Alt sind immer nur die anderen

smithZadie Smith: „London NW“, Kiepenheuer & Witsch 2014

Es ist zweifellos deprimierend, wenn einem die eigenen Freunde plötzlich alt vorkommen; spießig, bürgerlich und langweilig. Und nur das „Weißt-du-noch“ als öder Spaß bleibt, von dem man irgendwann nicht mehr weiß, wo Wahrheit aufhört und Dichtung anfängt.
So geht es zumindest den vier Hauptpersonen Leah, Natalie, Nathan und Felix in Zadie Smiths Roman „London NW“.
Leah und Natalie verbindet eine mehr oder weniger auf Verpflichtung beruhende Freundschaft und Nathan und Felix sind so etwas wie Relikte aus alten Zeiten. Aber was heißt hier eigentlich alt? So richtig alt sind Leah, Natalie/Keisha, Nathan und Felix mit Mitte Dreißig natürlich noch nicht. Schließlich ist ja Dreißig das neue Zwanzig. Sagen wir also lieber erwachsen dazu. Alt sind immer nur die anderen weiterlesen

Ein bisschen grau

murakamiHaruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki, Dumont 2014

M-U-R-A-K-A-M-I. Der Name ist in aller Munde und vom Bibliothekar bis zum Feuilletonredakteur sind sich alle einig: „Wer Murakami nicht liest, verpasst etwas.“  Da versuch‘ ich mich doch auch mal am „Rekordbestseller“ (Dumont Verlag). Vielleicht klappt’s ja doch noch mit Herrn Murakami und mir. Schließlich habe ich mich ja nach mehreren missglückten Versuchen auch einigermaßen mit der „Gefährlichen Geliebten“ angefreundet. Das Cover ist ja schon einmal sehr, sehr viel versprechend. Ein bisschen grau weiterlesen

Mit Vorsicht zu genießen

Hein_WeiskernChristoph Hein: Weiskerns Nachlass, Suhrkamp 2011

Warnung! Geisteswissenschaftler, die sich kurz vor Studienabschluss, auf Jobsuche oder in einer ähnlich gearteten Lebenskrise befinden, sollten die – wenn auch unbedingt empfehlenswerte – Lektüre von „Weiskerns Nachlass“ besser auf später verschieben. Denn was prekär anfängt, kann auch prekär enden.

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Der Ohrensessel lässt grüßen

Galbraith_KuckuckRobert Galbraith: Der Ruf des Kuckucks, Blanvalet Verlag 2013

Ich liebe Krimis und fürchte mich vor Thrillern. Mittlerweile habe ich den Eindruck, die Blutrünstigkeit erfährt immer neue Höhepunkte und hat noch unendlich viel Luft nach oben. Ich weiß, Autor und Werk sollte man nicht unbedingt in einen Topf werfen. Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu fragen, was für Menschen sich solche Abgründigkeiten ausdenken? Selbst wenn Stieg Larsson noch lebte, würde ich mich von ihm nicht auf eine Zimtschnecke einladen lassen. Da bin ich feige.

Meine jugendlichen Bibliotheksausflüge hingegen haben mich mit Agatha Christie verkuppelt. Ich weiß noch wie enttäuscht ich war, als es irgendwann einfach nichts mehr von ihr zu lesen gab. Ende. Aus. Mrs. Christie konnte halt aus dem Jenseits schlecht für Nachschub sorgen. Hercule Poirot mit seinen „kleinen grauen Zellen“ war mein Held und „Cluedo“ halte ich immer noch für ein aufregendes Spiel.  Und spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, wie zart besaitet ich bin.

Kein Wunder also, dass ich mit Robert Galbraiths „Der Ruf des Kuckucks“ in meiner persönlichen Komfortzone angelangt bin. Der Ohrensessel lässt grüßen weiterlesen

Der Schüler in uns

Goebel_OsborneJoey Goebel: Ich gegen Osborne, Diogenes Verlag 2013.

Hin und wieder möchte ich beim Lesen ja auf Vertrautes treffen; das Personal und die Verwicklungen schon kennen. Und dabei möglichst in Erinnerungen schwelgen. Vermutlich geht es nicht nur mir so. Kein Wunder also, dass sich Bücher und Serien rund um das Thema Schule immer wieder bestens verkaufen. Denn Lehrer, Schüler und das ganze Drumherum bieten schließlich nie versiegenden Erzählstoff. So ein „Schul-Buch“ ist dank der Schulpflicht einfach massentauglich: Als Jugendbuch bietet es Trost und Unterhaltung für diejenigen, die gerade mittendrin stecken und der Rest der Welt befriedigt damit Anwandlungen von Nostalgie und „Gott-sei-Dank-ist-es-vorbei“-Gedanken gleichermaßen. Schule funktioniert so gut, dass es sich der deutsche Leser auch in der Welt der amerikanischen High-School gemütlich machen kann. Denn die kennt er ja zur Genüge aus Musikvideos, Fernseh-Serien und schaurigen Nachrichtenmeldungen.

Gut für den Buchmarkt und gut für mich also, dass man sich mit „Ich gegen Osborne“ auf bekanntestem Terrain bewegt und dabei trotzdem außerordentlich gut unterhalten wird. Der Schüler in uns weiterlesen