Alt sind immer nur die anderen

smithZadie Smith: „London NW“, Kiepenheuer & Witsch 2014

Es ist zweifellos deprimierend, wenn einem die eigenen Freunde plötzlich alt vorkommen; spießig, bürgerlich und langweilig. Und nur das „Weißt-du-noch“ als öder Spaß bleibt, von dem man irgendwann nicht mehr weiß, wo Wahrheit aufhört und Dichtung anfängt.
So geht es zumindest den vier Hauptpersonen Leah, Natalie, Nathan und Felix in Zadie Smiths Roman „London NW“.
Leah und Natalie verbindet eine mehr oder weniger auf Verpflichtung beruhende Freundschaft und Nathan und Felix sind so etwas wie Relikte aus alten Zeiten. Aber was heißt hier eigentlich alt? So richtig alt sind Leah, Natalie/Keisha, Nathan und Felix mit Mitte Dreißig natürlich noch nicht. Schließlich ist ja Dreißig das neue Zwanzig. Sagen wir also lieber erwachsen dazu.

Feine kleine Fluchten

Aufgewachsen sind die Vier in der Sozialsiedlung Caldwell in London NW – und so lautet auch der Name des neuen Romans von Zadie Smith. Ihrer „Hood“ konnten sie aber nicht wirklich entkommen, zu tief reichen die Wurzeln. Schließlich kennt man sich; die Geschwister, die Eltern, die Kirchgemeinde, die Neugeborenen und die Kranken. Hier ist London alles andere als anonym.

Die Frauen scheinen den Absprung bzw. Aufschwung geschafft zu haben und sind in Natalies Fall als Juristin sogar ganz oben auf der Karriereleiter angekommen. Natalie hat Haus, Mann (schön, aus gutem Hause), Kinder und Karriere. Keisha heißt sie schon eine Weile nicht mehr; das klingt zu sehr nach Unterschicht und schwarzer Haut. Mit Natalie hat sie sich ganz neu erfunden, ihre kleinen feinen Fluchten sind private Swingerpartys – zu denen sie als Keisha verkleidet geht. Natürlich kann das nicht gut enden.

Leben und Lebenslauf

Mit Leah ist Natalie seit der Schulzeit befreundet – auch wenn die beiden mit „alte Freundin“ wohl eher ein schöneres Wort für „Altlast“ gefunden haben. Aus Naivität und mangels Alternativen hat Leah Philosophie studiert und verteilt jetzt Lottogelder für karitative Zwecke. Sie ist mit Michel verheiratet, einem franco-algerischen Friseur der den „British Dream“ lebt und den unbedingten Aufstiegswillen mitbringt. Dazu gehören selbstverständlich auch Kinder, die er sich sehnlichst wünscht – und das auch von Leah erwartet. Ihre biologische Uhr hört er schon ganz laut ticken. Doch Leah probt ihren ganz eigenen, heimlichen Aufstand: Sie treibt ab und nimmt die Pille, die sie Natalie bei den seltenen Besuchen klaut. Dagegen ist das bisschen Kiffen mit dem Nachbarn Kindergartenkram.

Felix und Nathan hingegen sind wirklich in der Sozialsiedlung hängen geblieben. Felix hat sich zwar von seinem Rastafari-Vater emanzipiert und in der jungen und bodenständigen Grace seine große Liebe gefunden – doch der Neustart misslingt gründlichst. Und damit kommt Nathan ins Spiel. Er ist wie gesellschaftlich erwartet wirklich auf die schiefe Bahn geraten; ist mittlerweile Zuhälter und Dealer. Seiner realistischen Sicht auf die Dinge („Was ist bloß passiert? – Wir wern alt!“) tut das aber keinen Abbruch. Wenn am Ende Nathan und Natalie aufeinander treffen, scheint es, als habe er als einziger der Vier das Leben wirklich im Griff, auf seine Weise eben.

London NW führt die vier immer wieder zusammen. Die kleinen und großen Dramen halten sie in Verbindung, ob sie nun wollen oder nicht. Totschlag, Diebstahl, Drogen und Betrug brechen auch in die scheinbar wohlgeordneten Verhältnisse der beiden Frauen ein und erinnnern sie einmal mehr an ihre Wurzeln.

Spröde Schönheit

Zadie Smith hat mit „London NW“ ein Buch darüber geschrieben, wie es ist, wenn man plötzlich feststellt, dass man erwachsen ist. Und über die erschreckende Gewissheit, dass im Leben nicht mehr all zu viel Schönes und Aufregendes passieren wird. Nicht umsonst stirbt der hoffnungsvollste Charakter Felix eines gewaltsamen Todes.

Dank der Mosaiktechnik und wechselnder Erzählperspektiven erlaubt der in fünf Teile gegliederte Roman einen intimen Blick hinter die Fassaden von Leah, Felix und Natalie. Leider ist der Roman dabei streckenweise nicht nur spröde, sondern zäh. Besonders der Abschnitt rund um Felix verlangt schon ordentlich Durchhaltevermögen. Doch glücklicherweise folgt darauf Natalies inhaltlich wie stilistisch aufregender Teil, und das Lesen lohnt sich wieder. Kein Zweifel, dieser sperrige und eindringliche Roman verlangt dem Leser sehr, sehr viel Hingabe ab. Vor allem aber bleibt die unbequeme Frage: „Lohnt sich der ganze Aufwand eigentlich?“

Der Satz, der bleibt:

„Doch schon jetzt droht das Erhabene des Erlebens zum Konventionellen, Anekdotischen zu verflachen […]. Nichts überlebt im Erzählen.“

Das Gefühl, das bleibt:

Habe ich wirklich alles mitbekommen, hinter die vielen Schichten geschaut?

Wenn dieses Buch eine Stimmung beschriebe, dann wäre es die:

Auf dem Rückweg von einer Party, von der man zu viel erwartet hat.

Wo lesen?

Am besten ungestört.

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2 Gedanken zu „Alt sind immer nur die anderen

  1. Zadie Smith hat mich beim ersten Versuch („Von der Schönheit“) nicht packen können, obwohl mir dringend empfohlen wurde durchzuhalten. Was mache ich nun? Ich würde sie ja gern kennenlernen, die Autorin, die in aller Munde ist. Das Personal von „London NW“ klingt interessant, und „erwachsen“, also dreißig, bin ich ja nun auch. Ich werde noch einen Anlauf nehmen!

    1. Nimm unbedingt noch einen Anlauf und halt mich auf dem Laufenden! Aber wie geschrieben, ohne Durchhaltewillen kommst Du leider auch hier nicht weit. Aber einen Versuch ist es allemal wert.

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