Allahs Punks

Michael Mutaqwacore_300dpihammad Knight: Taqwacore, Rogner & Bernhard 2011; Original: The Taqwacores, 2004)

Vor einigen Wochen besuchte ich aus beruflichen Gründen eine dreitägige Veranstaltung, die als Höhepunkte die Auftritte eines berühmten Koches, eines mittelmäßig berühmten Arztes und eines irgendwann mal berühmten Sängers bereithielt. Eingekeilt zwischen esoterisch veranlagten Damen, die mit allerlei Verkaufstricks versuchten, ihre selbstverfassten Findungsbücher – überwiegend – an die Frau zu bringen („Ich lese Ihnen gern mal aus der Hand, kostet sonst 60 Euro.“), saß ich weitestgehend apathisch auf einem Stuhl und beobachtete das Geschehen auf der Bühne, auf der besagte Stargäste sich mit weniger begabten Vortragenden die Klinke in die Hand gaben. Ein begnadeter, aber leider unbeachteter Folksänger füllte die Pausen. Und statt Tumbleweed, das in Western gern mal durch die Ödnis rollt, schoben sich in unregelmäßigen Abständen Senioren mit ihren Rollatoren durch mein Blickfeld.  

Musik und Hunter S. Thompson

Da ich das Unterhaltungspotential der Veranstaltung also relativ schnell überschauen konnte, besorgte ich mir von einem Stand in der Nähe ein Buch. Relativ wahllos schnappte ich mir „Taqwacore“ vom amerikanischen Autor Michael Muhammad Knight. Es stand irgendwas mit Musik und Hunter S. Thompson im Klappentext – das reichte als Entscheidungshilfe. Nur schnell Lesestoff, um die Zeit zu füllen. Und so stolperte ich in ein Haus voller muslimischer Punks.

Denn darum geht es in „Taqwacore“. (Taqwa bedeutet im Arabischen soviel wie „Frömmigkeit“) Der Collegeanfänger Yusef hat auf der Suche nach einer Unterkunft in Buffalo an der amerikanischen Ostküste ein Zimmer in einem „Haus voller Muslime“ aufgetan – so zumindest verkündet er stolz seinen Eltern, die daraufhin überglücklich die Miete überweisen. Allerdings wird der Glaube hier anders ausgelebt, als es Mutter und Vater lieb ist. Denn jeder der Bewohner hat eine ganz eigene Art, sich der Religion zu nähern. Da wäre Umar, der als impulsiver Straight Edger und strenger Hausherr seine Religion sehr ernst lebt; Amazing Ayyub, der meist betrunken in eine Peinlichkeit nach der anderen stiefelt; Rabeya, die immer voll verschleierte muslimische Feministin, die auch schon mal als Imam während der Gebete den Männern die zurechtweist. Und da ist Jehangir, der spirituelle und unheimlich entspannte Führer, der Yusef regelmäßig mit neuen Erkenntnissen konfrontiert.Er ist es auch, der den Taqwacore von Kalifornien an die Ostküste bringt – der muslimischen Punkszene, von der er Unmengen an Legenden erzählen kann.

Kiffen zum Koran

Die eigentliche Handlung des Buches ist überschaubar: Yusef, der eher als Außenstehender mit der Gruppe mitschwimmt, beschreibt als Erzähler das alltägliche Chaos im Haus. Das besteht vor allem aus Party und Rumhängen. Einziges Gerüst scheint tatsächlich der Islam zu sein. Er strukturiert mit seinen Gebeten den Tag und liefert Stoff für die Gespräche der Bewohner und Gäste des Hauses. Zwar identifizieren sich alle mit ihrer Religion, die Regeln und Normen wollen sie aber selbst festlegen und vor allem anpassen an ihre Lebenswirklichkeit. Als sozialisierte Amerikaner führen sie ein anderes Leben als noch ihre Eltern, die etwa aus Pakistan, Indonesien oder Arabien stammen. Dieser Individualismus führt immer wieder zu Auseinandersetzungen. So kann sich etwa Umar nicht damit anfreunden, dass einer seiner Mitbewohner während seines Koranstudiums ständig auf dem Dach sitzt und kifft. Das weitere große Bindeglied ist die Liebe zum Punk. Höhepunkt des Buches ist deshalb auch ein von Jehangir organisiertes Festival der Taqwacore-Bands (übrigens eine Musikbewegung, die durch das Buch tatsächlich begründet wurde).

Exotisches von Nebenan

Knight, gebürtiger Katholik, inzwischen aber konvertiert, erzählt eine klassische Geschichte übers Ins-Leben-Finden. Doch das besondere an „Taqwacore“ ist, dass nicht etwa die Liebe oder die Suche nach dem Platz im Leben die Hauptrolle spielen sondern der Umgang mit der eigenen Religion. Die Herausforderung, den Glauben für sich selbst zu definieren und nicht mehr den der Eltern unhinterfragt nachzuleben, trägt das Rebellische in sich, mit dem so viele andere Coming-Of-Age-Helden die Welt erobern wollen. Unterhaltsam und authentisch vermittelt der Autor die Probleme dieser Generation. Die jungen Muslime des Romans wollen ihre westliche Lebenswelt mit den Traditionen des Islam zusammenbringen – ein Entweder-Oder kommt nicht infrage. Gerade der doch eher zurückhaltende Yusef bietet die ideale Projektionsfläche für all die Konflikte und Sehnsüchte, die sich aus der Situation ergeben. Knights klare Erzählweise unterstreicht das Unbeschwerte und Direkte, mit dem die Helden Punk und Islam ganz selbstverständlich zu einer Atmosphäre verschmelzen, in der alles möglich scheint. Das Buch wird so zum Erlebnis und für mich zum Glücksgriff.

„Taqwacore“ hat drei Tage meines Lebens gerettet. Wahrscheinlich wäre ich ohne das Buch ins Wachkoma gefallen. Andererseits hätte ich es ohne diesen Ausnahmezustand wohl nicht gefunden. Zufall? Fügung? Das lasse ich mir das nächste Mal aus der Hand lesen.

Ein Satz der bleibt: „Irgendwo da draußen gibt es einen coolen Islam, Yusef. Man muss ihn nur finden. Man muss sich durch den ganzen anderen Kram durchackern, aber er ist da.“ (Ok zugegeben, das ist auch der Klappentext, aber er beschreibt das Buch hervorragend.)

Wem schenken: den Eso-Damen

Was dazu trinken: Sternburger

Wenn dieses Buch ein Auto wäre dann ein: rostiger Pickup

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