Von Buch zu Buch

HStärkstenelene Uri, „Honigzungen“, Heyne 2004 /„Nur die Stärksten überleben“, Piper 2008

Ich finde, es ist an der Zeit, einmal über einen Dauergast in meinem Bücherregal zu schreiben. Über eines der Bücher, die mich bei jedem Umzug begleiten und die ich niemals dem offenen Bücherschrank oder der örtlichen Bibliothek spenden würde.
Schon mal was von Helene Uri gehört oder gar gelesen? Nein? Das wundert mich nicht. Frau Uri ist nicht gerade als Bestsellerautorin bekannt, zumindest nicht hierzulande. In Norwegen sieht das schon ein wenig anders aus, dort wird sie mit Preisen zwar nicht gerade überhäuft, aber zumindest bedacht und war mit „Nur die Stärksten überleben“ sogar über ein Jahr auf der Bestsellerliste vertreten. Und die Bücher der promovierten Sprachwissenschaftlerin wurden u.a.  sogar ins Litauische und Ungarische übersetzt.
Vor einigen Jahren habe ich ihr Buch „Nur die Stärksten überleben“ in einer Verlagsramschkiste gefunden, geradezu verschlungen und nicht wieder vergessen. Da ich damals unter einem regelrechten Bücherüberangebot „litt“, ist das schon bemerkenswert. Mit seinen 432 Seiten ist die „Stärksten“ nicht gerade ein schmales Bändchen, das es aber leider noch nicht einmal ins Taschenbuchformat geschafft hat. Die Reihe „Nordiska“, in der es damals erschien, ist mittlerweile eingestellt und Frau Uri aus der Autorenliste des Piper Verlags getilgt.
Und trotzdem, dieses Buches ist eine der bleibenderen Erinnerungen an einen verregneten Bretagne-Urlaub. Deshalb habe ich es dann auch mit wärmsten Empfehlungen weiterverliehen und meistens kommentarlos zurückbekommen. Verblüfft haben mich die Reaktionen irgendwann nicht mehr, nur noch ein wenig enttäuscht und an meinem Buchgeschmack zweifeln lassen. Denn auch von der Literaturkritik ist das Buch kaum beachtet worden. Lediglich Kristina Maidt-Zinke hat sich in der Süddeutschen Zeitung recht lobend geäußert. Immerhin.
Irgendwann geriet es dann auch aus meinem Sichtfeld und führte ein abgeschiedenes Leben in meinem Bücherregal, dass durch viele Umzüge und eine gut sortierte Stadtbücherei nicht mehr allzu groß ist. Und dann gelangten die „Stärksten“ in die Hände von S.: Und endlich, endlich fanden die „Stärksten“ jemanden, den sie begeisterten, der sie zu schätzen wusste, sie sogar verschenkte und sich daraufhin „Honigzungen“ kaufte.

Sie haben dich zum Fressen gern

Honigzungen„Honigzungen“ ist mitnichten ein druckfrisches Werk. Es ist viel mehr eines von der Sorte, das nur von Fans gelesen wird oder zufällig erworben wird und dann im Ferienhaus zurückbleibt, weil doch zu viele Souvenirs ihren Raum fordern. Jetzt ist „Honigzungen“ also bei mir gelandet, wiederum als Leihgabe.
Ein erster Blick stimmt zuversichtlich: Das Cover ist kühl und doch verheißungsvoll. Ich freue mich auf ein Buch für Frauen, leichte Lektüre, die ich nach Ruth Klügers Erinnerungen und Nino Haratischwilis Monumentalwerk bitter nötig habe. Ja, es ist ein echtes Frauenbuch, allerdings ohne rosarote Klischees und psychologisch gewürzt.
Und darum geht es: Vier Freundinnen treffen sich regelmäßig zum Plausch, den sie „Nähkränzchen“ nennen. (Das Wort „Nähkränzchen“ befremdet mich ziemlich und irgendwie stoße ich mich das ganze Buch über an dieser Bezeichnung für den Freundinnenplausch. Vermutlich ist es etwas typisch Norwegisches. Zweifelsohne weiß Übersetzerin Gabriele Haefs, was sie tut.)
Sara, Tamara, Liss und Eva bekochen sich regelmäßig, übertrumpfen sich bei dieser Gelegenheit auch gern mit ihren Kochmeistereien – oder geben sich von vorneherein geschlagen. Da wird schon mal das Paprikamousse in Form geleckt und der Tütenpudding als selbstgemacht deklariert. Macht ja nichts. Denn hier geht es auch eigentlich um etwas anderes als kulinarische Genüsse. Dieses „Andere“ sind die Schatten einer höllischen Vergangenheit, die die Gegenwart einen finsteren Ort sein lassen. Es wird manipuliert und fantasiert, intrigiert und betrogen. Die vier Frauen bilden Allianzen von zwei gegen zwei: Sara und Tamara sind Freundinnen, wie Schwestern, schön und kultiviert. Liss und Eva stehen daneben wie kleine Mädchen, die irgendwie in diesen illustren Kreis hineingeraten sind und nun ihr Glück nicht fassen können. Aber warum nur?

All das legt Uri anspielungsreich dar, Erinnerungsfetzen, Gedankenspiele tauchen immer wieder auf, bilden aber erst am Ende des Buches ein vollständiges Bild. Dies ist natürlich dem Spannungsaufbau zuträglich und hält den Leser bei der Stange. Und dem wiederum wird bei der Lektüre dank der allzu oft beschworenen Freundinnenschaft eher eiskalt als warm ums Herz. Uri psychologisiert gekonnt, hält die Spannung aufrecht, sorgt für permanentes Unwohlsein und leichten Grusel. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Wohldosiert, wie in einem gut komponierten Rezept. Und dies ist ein weiterer Vorteil des Buches: Es enthält Menüpläne und Rezepte, und ja, auch davon habe ich etwas mitgenommen. Selbstverständlich habe ich auch noch einmal gründlich über alte Freundinnen und das Wesen der vielbeschworenen Frauenfreundschaften nachgedacht und mich gefragt, ob ich bei der nächsten Essenseinladung vielleicht Allergien gegen diverse Lebensmittel vortäuschen sollte? Ach was.

„Honigzungen“ ist auf jeden Fall ein geeignetes Buch zum „Neutralisieren“ nach anspruchsvoller und einnehmender Lektüre und hat seinen Zweck für mich damit voll und ganz erfüllt. Das Gären unter der Oberfläche und das Ungemach, das hinter den karierten Sommerhausgardinen wartet, gefallen mir. Doch leider mutet die Sprache teilweise gar zu hölzern an und zu den Charakteren konnte ich auch keine Beziehung aufbauen. Deshalb wird „Honigzungen“ auch nicht nach vorn auf meine Empfehlungsliste gesetzt. … Aber falls doch mal jemand Lust auf einen bitterbösen, überraschenden und hmhm, liebestollen Campusroman haben sollte: „Nur die Stärksten überleben“ lohnt sich. Echt.

Zu „Honigzungen“:

Wenn „Honigzungen“ ein Essen wäre:
Fisch mit grüner Soße und Pellkartoffeln

Wem schenken:
Frauen mit Hang zur Psychologie

Leider kein Satz, der bleibt

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