Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis

DeutschlehrerinJudith W. Taschler: „Die Deutschlehrerin“, Droemer 2014

Ab und an schaue ich nach, wer denn diesmal den Glauser-Preis gewonnen hat. Im Jahr 2014 ging er an Judith W. Taschler und ihren Roman „Die Deutschlehrerin“. Für alle, die den Preis nicht kennen: Seit mehr als 20 Jahren wird der „Glauser“ für den besten Kriminalroman verliehen. Und zwar vom „Syndikat“, der Autorengruppe deutschsprachiger Krimi-Schriftsteller. Das Preisgeld von 5000 Euro bringen die Autoren selbst auf; für solch hochkarätige Mitglieder wie Sebastian Fitzek und Ingrid Noll dürfte das ja kein Problem darstellen.

Für den Gewinner bedeutet der Preis, dass er oder sie nicht bloß irgendein Krimiautor unter vielen ist. Denn der „Glauser“ ist ja nicht nur irgendein Preis, genauso wenig wie Friedrich Glauser nur irgendein Krimi-Autor ist. Nein, Glauser ist immerhin der Urahn des deutschsprachigen Kriminalromans. Der gebürtige Wiener verfolgte mit seinen in den 1930er verfassten Krimiromanen ziemlich hehre Ziele: Sprachlich geschliffen sollten sie sein und das Trivialliteratur verschlingende Volk ohne pädagogischen Zeigefinger auf „gute“ Literatur aufmerksam machen. Auch vor Buchempfehlungen und Gesellschaftskritik schreckte Glauser in seinen Krimis nicht zurück. Das alles aber sollte den Leser ganz nebenbei erreichen; durch die Hintertür quasi. Geradezu subversiv, nicht?
Mit Wachtmeister Studer hat Glauser den Prototypen des Normalo-Detektivs mit Ehefrau, Herz, Verstand und Sinn für gutes Essen geschaffen – weit entfernt vom distinguierten Zeitgenossen Poirot und der neunmalklugen Miss Marple. Kurz und gut: Ich habe hohe Erwartungen an den Glauser-Preisträger – schließlich habe ich meine Magisterarbeit Friedrich Glauser gewidmet – und mit dieser Erwartung bin ich auch an die „Deutschlehrerin“ von Judith W. Taschler herangegangen.

Verwirrend, nicht wirr

Die Syndikat-Jury begründet ihre Entscheidung für Judith W. Taschler so: „Liebe, Verrat und Tod. Es sind die großen Themen des Lebens, die Judith Taschler sprachlich virtuos in ein kleines Kammerspiel packt.[…] So konsequent, spannend und literarisch subtil wie Judith Taschler das Thema umsetzt, wird auch Scheitern zu einem Hochgenuss!“ Und Christine Westermann blurbt etwas vom „rauschhaften“ Lesen. Und ja, dem Lob kann ich mich anschließen. Taschler ist es gelungen, eine eigentlich recht simple Geschichte um ein gescheitertes Liebespaar und ein reuevolles Wiedersehen verwirrend, aber fesselnd zu erzählen.
Mathilda Kaminski ist Deutschlehrerin an einem Gymnasium, ihre Klasse hat ein Schreibprojekt mit dem berühmten Jugendroman-Autor Xaver Sand gewonnen. Zufall oder Schicksal? Denn vor Jahren waren Mathilda und Xaver ein Liebespaar. Dann verließ er sie, wurde mit dem gemeinsamen Buch berühmt und bekam mit einer anderen Frau das Kind, das er Mathilda nicht gönnte. Als der Sohn entführt und nie mehr gesehen wird, zerbrechen Xavers Ehe und sein Leben. All das erfährt Mathilda nur noch aus den Medien. Oder weiß sie etwa mehr über den Entführungsfall?
In diesem psychologischen Kriminalroman spielt eine zurückgewiesene Liebe die Hauptrolle. Und natürlich der Tod. Dabei fließt kein Blut und keine alptraumhaften Tatortszenarien werden aufbereitet. Das tut gut. Die Schauerlichkeit liegt vielmehr in dem, was man sich vorstellen kann und wie die eigene Fantasie durch Andeutungen, Vermutungen und Möglichkeiten beginnt, verrückt zu spielen. Man hat ja schon von Schauerlichkeiten gehört, die keiner Autorenfantasie entsprungen sind. Wird das alles hier noch auf die Spitze getrieben? Oder löst sich alles ganz einfach auf? Die Frage will man klären, und liest, zugegeben, „rauschhaft“.

Vorbehalte über Bord!

Der Roman ist fein komponiert, unternimmt eine Gratwanderung zwischen Wirklichem und Möglichem. Leider erinnerte mich die E-Mail-Korrespondenz zu Beginn ein wenig zu sehr an Glattauers Leo und Emmi. Dadurch dachte ich gleich an eine süßliche Liebesgeschichte, die man verschlingt und die danach ziemlich schwer im Magen liegt. So war ich auf den ersten Seiten arg versucht, „Die Deutschlehrerin“ wieder wegzulegen. Aber der Glauser-Preis tat dann doch seine Wirkung: Also, immer fröhlich die Vorbehalte über Bord werfen!
So war auch die anfängliche Sperrigkeit der Geschichte nicht ermüdend, sondern Ehrgeiz weckend. Ich wollte das Geschichten- und Gedankenwirrwarr verstehen. Die Kapitel werden nämlich aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und es bleibt erst einmal offen, ob sie tatsächlich wahr sind oder nur in der Fantasie der Protagonisten existieren. Der Spannungsaufbau ist Judith W. Taschler definitiv gelungen. Dabei ist die Sprache nicht geschliffen literarisch, sondern eher einfach, mit starker Mündlichkeit ausgestattet und dadurch gut lesbar. Die Stärke des Romans liegt hier eindeutig in der Komposition und in der Figuren-Charakteristik. Und ganz ehrlich, die Geschichte ging mir sehr ans Herz. Das war einmal eine ganz andere Krimierfahrung.  Und der Glauser-Preis ist daher mehr als verdient.

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Der Satz, der bleibt … Leider keiner.

Wo lesen? Auf einer langen Zugfahrt, am besten ohne Umsteigen.

Wenn dieses Buch eine Blume wäre, dann wäre es … rote Akelei.

Ein Gedanke zu „Frau Taschler, Herr Glauser und der Preis

  1. Die Assoziation zu Glattauer hatte ich auch. Und die Protagonisten waren mir anfangs beide unsympathisch. Frau Taschler hat es aber meisterhaft verstanden, nach und nach – wohl auch durch die Beschreibung der Familiengeschichte der beiden Protagonisten – Verständnis für beide Seiten beim Leser zu erzeugen.
    Neben zurückgewiesener Liebe und dem Tod finde ich aber auch, dass das Erzählen selbst ein weiteres Thema des Romans ist. Das kommt vor allem in den Familienbeschreibungen und dem Spiel der beiden – sie erzählen einander Geschichten und erfinden jeweils für die Geschichte des anderen einen alternativen Schluss – (ein wesentlicher Bestandteil ihrer Beziehung), zum Tragen.
    Dass dabei der Spannungsbogen zu keinem Zeitpunkt vernachlässigt wird, sondern sogar immer neue mögliche Wendungen aufploppen, macht Frau Taschler wahrlich zur würdigen „Glauser“-Preisträgerin!

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