Utopia, mon amour

Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“, Rowohlt 2011.

Die USA ist am Boden: Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, der Dollar abhängig von der chinesischen Währung. Geführt wird das Land von einer dauerhaften Übergangsregierung, die nur noch aus einer Partei besteht. Und ein durchgeknallter Verteidigungsminister hat die ehemalige Großmacht in eine sinnlose Militärmission in Venezuela verstrickt, die sich langsam zum Bumerang entwickelt. Klingt wie ein Zukunftsszenario, auf das die Vereinigten Staaten unter ihrem neuen Präsidenten zusteuern? Allerdings! Utopia, mon amour weiterlesen

Skizze eines Erwachsenwerdens

kubiczekskizzeAndré Kubiczek „Skizze eines Sommers“, Rowohlt 2016

Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal vor Bekanntgabe des Buchpreis-Gewinners bereits 1,5 Romane der Shortlist gelesen zu haben. Dieses Jahr aber fiebere ich bei der Vergabe des Deutschen Buchpreises so richtig mit.
Und da ich Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ ganz schnell weggelegt und André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ hingegen ganz schnell gelesen habe, kann dieser Text hier auch nur eines sein:
EINE LOBHUDELEI! Skizze eines Erwachsenwerdens weiterlesen

Das bisschen Haushalt …

WischundWegMaria Antas: „Wisch und Weg. Ein Buch über das Putzen“, Insel Verlag Berlin 2015

Meinen Haushalt führe ich nicht gerade mit Hingabe, sondern mit schlechtem Gewissen und dauerndem „Ich muss mal wieder…“. Ich quäle mich mit Haushaltsdingen und fühle mich beim Aufräumen und Putzen meistens von den schönen, vermeintlich wichtigeren Dingen des Lebens ferngehalten. Dann werde ich ungeduldig, weshalb das Ergebnis dann wegen der mangelnden Geduld und Hingabe eben selten so ist, wie ich es mir wünschen würde. Dabei finde ich ordentliche, blitzblanke Wohnstätten äußerst anziehend, ja geradezu erstrebenswert. Aber dieser Wunsch genügt dennoch nicht, um das Putzen an die erste Stelle meiner Aktivitäten zu setzen. Nein, lieber lese ich und mache nach dem Motto „Augen zu und durch“ sauber. Im übertragenen Sinne natürlich.
Wenn man also lieber liest als putzt, liegt es nahe, sich wenigstens ein Buch über das Putzen zuzulegen. So kann man das Saubermachen schon einmal gedanklich durchspielen und ist nicht vollkommen untätig.
Letztens bin ich dann über „Wisch und Weg“ gestolpert – denn gesucht hätte ich ein Buch über das Putzen nun wirklich nicht. Das bisschen Haushalt … weiterlesen

Nachtbekanntschaften

Lauenstein_NachtsLauenstein, Mercedes: „Nachts“, Aufbau Verlag 2015

Ich schlafe nachts. Am liebsten mit Ohrstöpseln und mehr als acht Stunden. Nachtwanderungen kämen mir nicht in den Sinn und noch weniger, zur Nachtzeit an fremden Wohnungstüren zu klingeln. Auch nicht, um neue Bekanntschaften zu machen. Aber für derartige Aktionen gibt es ja die Literatur und Mercedes Lauensteins Debütroman „Nachts“.
„Nachts“ begibt sich eine namenlose und sehr junge Ich-Erzählerin auf Geschichtensuche. Sie klingelt an den Türen wildfremder Menschen um zu erfahren, womit sich diese zu nachtschlafender Zeit beschäftigen. Wenig überraschend trifft sie dabei auf eine Säuglingsmutter, auf den Rentner, der sich nach einem langen Arbeitsleben an die Freiheit des unregelmäßigen Tagesablaufs gewöhnt sowie auf den Geistesgestörten, der ihr dann doch ein wenig Angst macht. Und selbstverständlich darf auch der Mann, den sie erst zur Mittagszeit wieder verlässt, nicht fehlen. Nachtbekanntschaften weiterlesen

Und ich der fünfte Beatle

Yesterday von Lars Saabye ChristensenLars Saabye Christensen: „Yesterday“, btb 1997

In meinem Lieblingsbuch liegt noch der Kassenbon, den ich bei seinem Kauf bekam. Die Zahlen und Buchstaben sind komplett verblasst. Und auch das Exemplar des Buches ist nicht mehr das, was ich damals gekauft habe. Doch der kleine weiße Zettel erinnert mich daran, wie das Buch damals zu mir gekommen ist. Im Literarischen Quartett durfte jedes Mitglied vor der Sommerpause noch eine Ferienlektüre empfehlen. Iris Radisch, damals noch als Gast und nicht als ständiges Mitglied in der Runde, legte den Zuschauern „Yesterday“ von Lars Saabye Christensen ans Herz. Im Kopf zwar abgespeichert begegnete Und ich der fünfte Beatle weiterlesen

Grau mit farbigen Tupfen

Klüsendorf_AprilKlüssendorf, Angelika: „April“, KIWI 2014

Im Klappentext zu „April“ reihen sich Zitate von namhaften Literaturkritikern aneinander. Die Qualität des Buches bezweifeln sie nicht, aber wie unterschiedlich sie es doch lesen!
So schreibt Elmar Krekeler in der Welt: “ ,April‘ ist ein wehes, ein schreckliches und schönes Buch.“ Und in der Süddeutschen Zeitung stellt Gustav Seibt fest: „Aprils Staunen und ihre Beobachtungsgabe werden zu einem großen Spaß für den Leser.“
Krekeler empfindet „April“ als schrecklich schönes Buch und Gustav Seibt hat beim Lesen sogar „großen“ Spaß. Ein schreckliches Buch, das Spaß macht also. Nun, Spaß ist wirklich kein Begriff, der mir in Bezug auf „April“ in den Sinn kommt.
Spaß verbinde ich mit Leichtigkeit, mit Sommerlektüre. Doch mit „April“ hat Angelika Klüssendorf keineswegs Sommerlektüre verfasst. Wie passend, dass das Buch im Februar des Jahres 2014 erschienen ist. Ja, „April“ ist ein regelrechter Februarroman, den man natürlich auch im Sommer lesen sollte. Aber am Strand erschiene er dennoch deplatziert.
Angelika Klüssendorf wurde einer breiteren Leserschaft mit „Das Mädchen“ bekannt. „April“ knüpft daran an; die Texte können als zwei Teile eines Entwicklungsromans gelesen werden. Beide Werken ergänzen sich gut, sind aber auch getrennt voneinander vollkommen. Wer „Das Mädchen“ gelesen hat, erkennt es in April wieder. Grau mit farbigen Tupfen weiterlesen

Krimi mit besonderen Vorzügen

fitzgerald_-_exHelen FitzGerald: „Ex“, Galiani Berlin 2015

Wenn mein Zweilesen-Kollege Sebastian seinen Ausflug in die Krimiwelt doch mit „Ex“ begonnen hätte! (zu Sebastians Text) Dann wäre seine Abneigung gegen Kriminalliteratur nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Da bin ich mir ganz sicher.
Aber ist „Krimi“ für „Ex“ eigentlich die korrekte Genrebezeichnung? „Ex“ ist unterhaltsam, und das muss ein Krimi ja sein. „Ex“ ist spannend und auch das sollte ein Krimi unbedingt sein. Und „Ex“ handelt schließlich von Mord, genauer gesagt von Serienmord. Und damit hätten wir ja dann alle Krimi-Grundzutaten beisammen. Wenn da nicht die Erzählerstimme, die Perspektivwechsel und vor allem die unzähligen Wendungen wären, die weit über den klassischen „Whodunit“ hinausgehen. Durch die Ich-Erzählerin und die Cliffhanger im Plot weist „Ex“ sogar Merkmale eines Thrillers auf, dem aber glücklicherweise die Blutrünstigkeit fehlt. In dieser Hinsicht hält sich Helen FitzGerald vornehm zurück, auch wenn sie sonst nicht mit deutlichen Worten geizt. Aber  Genrebezeichnungen wie Thriller, Krimi oder Beziehungsroman charakterisieren diesen erfrischenden Roman nur unzureichend. „Ex“ passt einfach in keine Schublade und ist dadurch besonders schön zu lesen – aus inhaltlicher und erzählerischer Hinsicht.
Von Helen FitzGerald hatte ich noch nichts gehört und gelesen, bis mich Galiani Berlin per Mail auf „Ex“ hinwies. Und weil ich mich bei der Lektüre-Auswahl ja gern treiben lasse, griff ich zu. (Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich gerade wenig Lust auf all die wartenden Bücher hatte und ich mich nach einem schönen Krimi sehnte. Ja, so unterscheiden wir uns, Kollege Sebastian und ich.) Völlig unvoreingenommen und ohne jede Erwartung machte ich mich ans Lesen. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch noch einige Ausweich-Bücher ins Urlaubsgepäck gelegt. Nur so zur Sicherheit. Krimi mit besonderen Vorzügen weiterlesen

Wie ich einmal einen Krimi las

Bretonische Verhaeltnisse von Jean-Luc BannalecJean-Luc Bannalec: „Bretonische Verhältnisse“. Goldmann Verlag 2013

Ok, zugegeben, dieser Text ist nicht fair. Denn hier geht es um einen Krimi, und ich kann mit Krimis nichts anfangen. Ich bin auch kein passionierter Tatort-Zuschauer, lasse mich zwar gelegentlich von der Kritik im Vorfeld verleiten, ertappe mich dann aber dabei, wie ich die Nebendarsteller nach Bekanntheitsgrad abklopfe, um auf diese Weise den Täter zu stellen. Am Anfang stirbt einer und Ende weiß man, wer es war – so meine laienhafte Zusammenfassung eines typischen Plots dieser Gattung. Trotzdem dachte ich mir vor kurzem, jetzt sei die Zeit gekommen, dass ich mal einen richtigen Krimi lese. „Das kann doch nicht sein, dass so viele Menschen ein Buch nach dem anderen dieser Sorte verschlingen und ich auf diesem Auge völlig blind bin“, dachte ich mir. „Irgendwas muss das doch haben, dieses ,Fälle lösen‘.“ Ich wollte dazugehören, zum Detektivclub, der mit mir jeden Morgen in der Bahn zur Arbeit pendelt. Wie ich einmal einen Krimi las weiterlesen

Von Buch zu Buch

HStärkstenelene Uri, „Honigzungen“, Heyne 2004 /„Nur die Stärksten überleben“, Piper 2008

Ich finde, es ist an der Zeit, einmal über einen Dauergast in meinem Bücherregal zu schreiben. Über eines der Bücher, die mich bei jedem Umzug begleiten und die ich niemals dem offenen Bücherschrank oder der örtlichen Bibliothek spenden würde.
Schon mal was von Helene Uri gehört oder gar gelesen? Nein? Das wundert mich nicht. Frau Uri ist nicht gerade als Bestsellerautorin bekannt, zumindest nicht hierzulande. In Norwegen sieht das schon ein wenig anders aus, dort wird sie mit Preisen zwar nicht gerade überhäuft, aber zumindest bedacht und war mit „Nur die Stärksten überleben“ sogar über ein Jahr auf der Bestsellerliste vertreten. Und die Bücher der promovierten Sprachwissenschaftlerin wurden u.a.  sogar ins Litauische und Ungarische übersetzt.
Vor einigen Jahren habe ich ihr Buch „Nur die Stärksten überleben“ in einer Verlagsramschkiste gefunden, geradezu verschlungen und nicht wieder vergessen. Da ich damals unter einem regelrechten Bücherüberangebot „litt“, ist das schon bemerkenswert. Von Buch zu Buch weiterlesen

Grünes Blut

Mercè Rodoreda: „Der Garten überb_2014_rodoreda_4 dem Meer“, mareverlag 2014.

Vor kurzem ist Leonard Nimoy gestorben. Oder sollte ich besser sagen Mr. Spock? Denn weltweit wird er wohl als eben dieser Erste Offizier des Raumschiffs Enterprise in Erinnerung bleiben. Das faszinierende an Spock lag vor allem in seiner scheinbaren Widersprüchlichkeit begründet. Dem nüchtern denkenden, vernunftgesteuerten Halbvulkanier lag die Gefühlswelt der Menschen fremd, doch ausgerechnet diese Eigenschaft machte ihn zu einem der beliebtesten Figuren, sogar über das Star-Trek-Universum hinaus. Spocks Neutralität erscheint wie buddhistische Gleichmut, wie eine absolute Gelassenheit, in der Emotionalität nicht möglich ist. Und gleichzeitig schwingt da immer auch diese Melancholie mit, die sich einstellt, wenn sich das Gefühlsleben immer auf Nulllinie bewegt, während rundherum gelacht und geweint wird. Nimoy, der übrigens auch Dichter war, setzte kurz vor seinem Tod einen Tweet ab, der mit der Einsicht eines alten Mannes diesen melancholischen Eindruck noch einmal verstärkt:„A life is a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory.“ („Ein Leben ist ein Garten: Perfekte Momente können erlebt, aber nicht bewahrt werden – außer in der Erinnerung.“) Grünes Blut weiterlesen